Ein Gesellschaftstag, kein Kirchentag


08.06.15

Ein Gesellschaftstag, kein Kirchentag

Hartmut Steeb fehlt es beim Kirchentag an Grundübereinstimmung über die Substanz des christlichen Glaubens

(MEDRUM) Es fehlt die Grundübereinstimmung, was Substanz des christlichen Glaubens ist. Diese Beobachtung macht Hartmut Steeb, Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz, beim Evangelischen Kirchentag 2015 in Stuttgart.

ImageDie Habenseite

Nüchtern und sachlich zieht Hartmut Steeb seine Bilanz zum Kirchentag 2015, wie aus einer Pressemeldung der Deutschen Evangelischen Allianz hervorgeht. Der Generalsekretär der Allianz (Bild links) stimmt zwar, wie er selbst betont, in das allgemeine Loblied über den gestern zu Ende gegangenen Kirchentag ein, das medial weit verbreitet worden sei. Es sei eine friedliche, harmonische Veranstaltung gewesen, so Steeb. Lobgesang statt Klagelieder seien ertönt. Auch dass die Christusbewegung im Rahmen des Kirchentages einen Christustag veranstalten konnte, verbucht Steeb auf der erfreulichen Habenseite.

Die Sollseite

Doch andererseits stimmt Steeb nicht in euphorische Jubelarien ein. Er hat auch gravierende Defizite identifiziert. Dazu zählt er sechs Kernpunkte, wo er dringenden Verbesserungsbedarf sieht:

  • die mangelhafte Offenheit und Dialogbereitschaft, wie sie sich beim Ausschluss messianischer Juden und von Homosexuellen, die zölibatär leben wollen, niederschlug
  • die einseitig geführte Diskussion über die Verankerung sexueller Vielfalt in Bildungs- und Aktionsplänen
  • das Versäumnis, die demografische Katastrophe - als vermutlich größte Herausforderung der Gesellschaft - nicht zu einem Hauptthema zu machen
  • die mangelnde Bereitschaft, die Menschenrechtskatastrophe von 100.000 Kindern, die jedes Jahr im Mutterleib getötet werden, zu einem zentralen Thema zu machen
  • der vergleichsweise geringe Stellenwert, der dem Leid der weltweit verfolgten Christen beigemessen wurde
  • der mangelhafte Konsens, was Substanz christlichen Glaubens ist.

ImageStatt substantieller Sachdiskussion Plattitüde

Sind wir jetzt wirklich klüger? So hinterfragt Steeb. Denn das Leitwort war seiner Ansicht nach gut gewählt. Doch statt zentralen Themen des christlichen Glaubens Raum zu geben, habe der Kirchentag beispielsweise der Werkstatt gegen den "Phantomgegner Homophobie" einen Platz geboten. Und der Kirchentagspräsident weiche mit seiner Plattitüde, man habe gelernt, sich nicht gegen die Liebe zu stellen, der Sachdiskussion aus. Dies gehört zu den Querschlägern, für die Steeb kaum Verständnis aufbringen kann, weil gleichzeitig der Blick nicht auf Themen von zentraler Bedeutung gerichtet oder verstellt wird.

Mangel an Orientierung beseitigen

Steeb kommt zur Gretchenfrage: Solange die Grundübereinstimmung über die Substanz des christlichen Glaubens und der Versuch fehlt, Konsens über das Bekenntnis zum Glauben herzustellen, fehlt die Orientierung für die Lehre der Kirche und ein christliches Leben. Daher fordert er, eine Grundsatzdiskussion darüber nicht länger hinauszuschieben, sondern bald zu führen. So lange dies nicht geschehe, sei der Kirchentag, wie es der ehemalige Kirchentagspräsident und Verfassungsrichter Simon einst formuliert habe, kein Kirchentag, sondern ein Gesellschaftstag. Um zu einem Kirchentag und wirklich klug zu werden, müsse der Kirchentag noch ein großes Lernprogramm hinter sich bringen. Die Allianz sei bereit, daran mitzuarbeiten.

Die Pressemeldung der Evangelischen Allianz ist im Anhang beigefügt.

ImageElend des zeitgenössischen Protestantismus

Ähnlich im Inhalt, aber bissiger in der Formulierung fällt die Kritik von Alexander Grau in seiner Kolumne im Magazin CICERO aus. Sie steht unter der Überschrift "Wer Substanz sucht, findet Realsatire". Auch dieses Jahr sei die Chance vergeben worden, etwas theologisch Substantielles zu ergründen. Diese Leerstelle werde durch politisches Palaver ersetzt.

Das Motto der Stuttgarter Großveranstaltung, das einem Psalm entnommen worden sei und eigentlich um Klugheit bitte, sterben zu lernen, und wie sinnentstellend der Kirchentag mit diesem Psalm umgegangen sei, offenbare das Elend des institutionalisierten zeitgenössischen Protestantismus.

Dass Alexander Grau mit seiner Analyse und dem Wort von der Realsatire nicht daneben liegt, verdeutlicht ein Bericht der Stuttgarter Nachrichten unter der Überschrift "Kehraus, der Kirchentag räumt das Feld". Dort heißt es: "Jetzt sind alle klüger. Der Kirchentag brachte einige neue Erkenntnisse. Dazu zählt auch die Erfahrung, dass eine Großveranstaltung ohne Alkohol für die Polizei unproblematischer ist."


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Leserbriefe

Wie Luther Christen unterscheidet

Der Kritik Steebs kann man nichts hinzufügen und seit Luther scheint sich nicht viel geändert zu haben, denn er schrieb: „Man muss sich daran nicht ärgern, wenn man unter Leuten lebt, die ebenfalls den Namen Gottes, Christi und des heiligen Geistes rühmen … aber in der Sache und vom Verstand her aufs weiteste entfernt sind. Man kann sich nicht von ihnen trennen noch ihnen verbieten den Namen Gottes zu benutzen. Aber es zeigt sich ein Unterschied unter denen, die sich Christen nennen wenn man erkennt, welche rechtschaffen und welche falsch sind. Um diesen Unterschied richtig auszumachen, muss man schauen, wo die Lehre vom Evangelium, vom Glauben an Christum ohne Zusatz und Nebenlehre geht und so zu guten Früchten und Werken führt. Dagegen dann die Widersprüche der anderen, die allein mit dem Munde den Glauben bekennen.“ Aus Luthers "Christlicher Wegweiser für jeden Tag“ frei übersetzt