Die Achtung der transzendenten Würde des Menschen im Zentrum der Papst-Rede


26.11.14

Die Achtung der transzendenten Würde des Menschen im Zentrum der Papst-Rede

Zur Rede von Papst Franziskus vor dem Euroapaparlament am 25. November 2014 in Straßburg

von Kurt J. Heinz

(MEDRUM) Was ist die zentrale Botschaft der Papst-Rede? Die Flüchtlingspolitik der EU und ihrer Mitgliedsstaaten? Das könnte man aus den Schlagzeilen von Leitmedien schließen. Ja, Papst Franziskus hat dazu eine klare Aussage gemacht. Das Mittelmeer dürfe nicht zum Friedhof werden, fordert das Kirchenoberhaupt. Dieser Mahnung wird niemand widersprechen. Ob sie so gehört wird, wie Franziskus dies erhofft, ist eine Frage, die schwer zu beantworten ist. Doch steht diese Mahnung ebenso wenig im Zentrum seiner Rede wie seine Verurteilung der Verfolgung religiöser Minderheiten und besonders des Christentums. Im Zentrum der Papstrede steht vielmehr die Achtung der Würde des Menschen als einer mit "transzendenter Würde begabten Person", die ihre Existenz Gott verdankt. Das ist der Maßstab, dem Papst Franziskus mit den Aussagen in seiner Rede an die EU-Parlamentarier folgt.

ImageTranszendente Würde

Schon zu Beginn seiner Rede führt Franziskus den Einigungsgedanken, der die Völker Europas zusammengeführt hat, um die Teilungen zu überwinden und den Frieden und die Gemeinschaft unter allen Völkern des Kontinentes zu fördern, auf das Vertrauen auf einen mit transzendenter Würde ausgestatteten Menschen zurück. Franziskus: "Im Mittelpunkt dieses ehrgeizigen politischen Planes stand das Vertrauen auf den Menschen, und zwar weniger als Bürger und auch nicht als wirtschaftliches Subjekt, sondern auf den Menschen als eine mit transzendenter Würde begabte Person." Das Kirchenoberhaupt stellt hierbei heraus, dass "Würde" und "transzendent" zwei eng miteinander verwobene Schlüsselbegriffe sind, zu deren zurückliegenden "Quellgründen" das Christentum gehöre.

Wahrer Humanismus - Europas Seele

Papst Franziskus lässt keine Unklarheit aufkommen, dass der Mensch mit seiner transzendenten Würde seinen Ursprung in Gott hat. Denn dazu sagt er: "Von der transzendenten Würde des Menschen zu sprechen, bedeutet also, sich auf seine Natur zu berufen, auf seine angeborene Fähigkeit, Gut und Böse zu unterscheiden, auf jenen „Kompass“, der in unsere Herzen eingeschrieben ist und den Gott dem geschaffenen Universum eingeprägt hat." Für den wahren Humanismus, steht daher "die Achtung der Würde der Person im Zentrum", so Franziskus. Er stellte heraus, dass Europa fähig sein müsse, sich der "transzendenten Dimension des Lebens" zu öffnen. Sonst gerate es in Gefahr, "allmählich seine Seele zu verlieren". Und damit: "... auch jenen „humanistischen Geist”, den es doch liebt und verteidigt."

Dazu wolle auch die Katholische Kirche als Institution ihren Beitrag im Dialog mit den Europäischen Institutionen leisten. Er sei überzeugt, dass ein Europa, das seine religiösen Wurzeln zu nutzen wisse, auch leichter immun sein könne gegen die vielen Extremismen, "auch aufgrund des großen ideellen Vakuums, das wir im sogenannten Westen erleben, denn es ist gerade die Gottvergessenheit und nicht seine Verherrlichung, die Gewalt erzeugt." An dieser Stelle weist Franziskus auf die religiösen und besonders die christlichen Minderheiten in verschiedenen Teilen der Welt hin, von denen sich Gemeinschaften und Einzelne, "barbarischer Gewalt ausgesetzt" sehen: "... aus ihren Häusern und ihrer Heimat vertrieben; als Sklaven verkauft; getötet, enthauptet, gekreuzigt und lebendig verbrannt – unter dem beschämenden und begünstigenden Schweigen vieler."

Keine Uniformität

Was es für die Freiheit heißt, dass der Mensch mit seiner Würde im Zentrum steht, drückt Papst mit den Worten aus: "Den Menschen ins Zentrum zu setzen bedeutet vor allem zuzulassen, dass er frei sein eigenes Gesicht und seine eigene Kreativität ausdrückt, sowohl auf der Ebene des Einzelnen als auch auf der des Volkes." Daher wehrt Franziskus sich auch gegen jede Uniformität oder Gleichrichtung im Sinne einer Vereinheitlichung (dabei erwähnt er unter anderem auch "Totalitarismen des Relativen", die für die Demokratie schädlich seien). Franziskus: "Einheit bedeutet nicht politische, wirtschaftliche, kulturelle oder gedankliche Uniformität. In Wirklichkeit lebt jede authentische Einheit vom Reichtum der Verschiedenheiten, die sie bilden: wie eine Familie, die umso einiger ist, je mehr jedes ihrer Mitglieder ohne Furcht bis zum Grund es selbst sein kann."

Mensch ist kein Objekt

Das Oberhaupt der Katholischen Kirche zieht aus der transzendent begründeten Würde des Menschen die klare Folgerung, dass das menschliche Leben nicht disponibel, sondern unantastbar ist. Denn, "die Menschenwürde zu behaupten", so Papst Franziskus, bedeutet, "die Kostbarkeit des menschlichen Lebens zu erkennen, das uns unentgeltlich geschenkt ist und deshalb nicht Gegenstand von Tausch oder Verkauf sein kann". In der logischen Konsequenz kritisiert er jeden achtlosen Umgang mit Menschen und die Verfügung über menschliches Leben: "Es bestehen immer noch zu viele Situationen, in denen Menschen wie Objekte behandelt werden, deren Empfängnis, Gestaltung und Brauchbarkeit man programmieren und sie dann wegwerfen kann, wenn sie nicht mehr nützlich sind, weil sie schwach, krank oder alt geworden sind."

Unveräußerliche Rechte und Gemeinwohl

Ein zentrales Gebot ist für Franziskus, die Würde des Menschen und seiner Rechte zu fördern. Dazu sagt er: "Die Würde des Menschen zu fördern, bedeutet anzuerkennen, dass er unveräußerliche Rechte besitzt, deren er nicht nach Belieben und noch weniger zugunsten wirtschaftlicher Interessen von irgendjemandem beraubt werden kann." Es müsse jedoch darauf geachtet werden, "nicht Missverständnissen zu verfallen, die aus einem falschen Verständnis des Begriffes Menschenrechte und deren widersinnigem Gebrauch hervorgehen". Es gebe heute die Tendenz zu einer immer weiter reichenden Beanspruchung individueller Rechte, hinter der sich ein aus jedem sozialen und anthropologischen Zusammenhang herausgelöstes Bild des Menschen verberge. Daher sei es überaus wichtig, die individuelle, oder "besser die persönliche Dimension" mit der des Gemeinwohls zu verbinden. Wenn nämlich das Recht eines jeden nicht harmonisch auf das größere Wohl hin ausgerichtet sei, so Franziskus, werde es schließlich als unbegrenzt aufgefasst und damit zur "Quelle von Konflikten und Gewalt".

Familie von fundamentaler Bedeutung

Aus der Stellung des Menschen formuliert Papst Franziskus für die europäische Politik als zentrale Zukunftsaufgabe, Europa Hoffnung zu geben. Das hieße nicht nur, die "Zentralität des Menschen" anzuerkennen, sondern auch in die Förderung seiner "Begabungen" und ihre "Fruchtbarkeit" zu investieren. Dabei misst Franziskus der Familie eine fundamentale Stellung zu: "... angefangen von der Familie, welche die grundlegende Zelle und ein kostbarer Bestandteil jeder Gesellschaft ist. Die geeinte, fruchtbare und unauflösliche Familie bringt die fundamentalen Elemente mit sich, um Zukunftshoffnung zu geben. Ohne diese Festigkeit baut man letztlich auf Sand, mit schweren gesellschaftlichen Folgen." Die Betonung der Bedeutung der Familie verbindet Franziskus mit zweierlei Perspektiven: den neuen Generationen Aussichten und Hoffnung zu vermitteln, und die zahlreichen alten Menschen, die oft gezwungen seien, in der Einsamkeit und Verlassenheit zu leben, zu begleiten und zu unterstützen. Eine wichtige Funktion für die Familie misst Franziskus auch der Arbeit bei. Durch die Arbeit werde die Möglichkeit garantiert, eine Familie aufzubauen und die Kinder zu erziehen, so der Papst.

Kostbarer Bezugspunkt: Heiligkeit der menschlichen Person und Glaube

Das zentrale und richtige Verständnis vom Menschen hebt das Kirchenoberhaupt auch am Ende seiner Rede heraus: Es sei die Stunde gekommen, gemeinsam das Europa aufzubauen, das sich nicht um die Wirtschaft drehe, sondern um die "Heiligkeit der menschlichen Person" und der unveräußerlichen Werte. Es gehe darum ein Europa zu erwecken und zu fördern, das ein Protagonist und Träger von Wissenschaft, Kunst, Musik, menschlichen Werten und auch Träger des Glaubens sei. Dieses Europa müsse den Himmel betrachten und Ideale verfolgen. Es müsse auf den Menschen schauen, ihn verteidigen und schützen. Dann sei es ein kostbarer Bezugspunkt für die gesamte Menschheit!

Mit seiner Rede hat Papst Franziskus ein Koordinatensystem gezeichnet, das mit seinen Achsen für Europa klare Richtungen weist: Die christlichen Wurzeln, der Mensch mit seiner transzendenten Würde und der Glaube an Gott, als Transzendenz und Schöpfer allen Seins.

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Redemanuskript in der vom Vatikan veröffentlichten Fassung: → ANSPRACHE DES HEILIGEN VATERS AN DAS EUROPAPARLAMENT. Die deutsche Übersetzung der Papst-Rede ist im Anhang als pdf-Datei beigefügt.


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