Vereinigung der Kirchen fehlt gemeinsames ethisches Fundament


06.09.12

Vereinigung der Kirchen fehlt gemeinsames ethisches Fundament

Evangelische Allianz markiert Für und Wider zum Aufruf "Ökumene jetzt" - Auch katholische Bischöfe fällen differenziertes Urteil

Mit der Antwort «Ja und Nein» reagierte die Deutsche Evangelische Allianz auf den Aufruf „Ökumene jetzt", mit dem eine Reihe von Personen des öffentlichen Lebens am 5. September 2012 an die Öffentlichkeit traten, um für verstärkte Anstrengungen um die Ökumene und Überwindung der Kirchenteilung in Deutschland zu werben, darunter Altbundespräsident Richard von Weizsäcker und der amtierende Bundestagspräsident Norbert Lammert. Die Deutsche Evangelische Allianz (DEA) gab unter der Überschrift «„Ökumene jetzt” - Ja und Nein» eine ebenso differenzierte wie aufschlussreiche Stellungnahme zum Für und Wider des Prominentenaufrufes ab.

Streben nach gelebter Einheit

Einerseits unterstützt die DEA den Wunsch der Unterzeichner, dass die "geistliche Einheit als Glieder des Leibes Christi sichtbar Gestalt gewinnen soll. Auch das Streben nach „gelebter Einheit im Bewusstsein historisch gewachsener Vielfalt" könne von Herzen mitgetragen werden. Abhilfe sei gerade wegen der Trennung bei der Feier des Heiligen Abendmahles geboten, die längst nicht nur, aber vor allem für konfessionsverschiedene Ehen eine tiefe Wunde sei.

Bedenkliche Entwicklungen in den evangelischen Kirchen

Andererseits stellt der Vorsitzende der DEA, Michael Diener, heraus, er sei überrascht, weil der "sehr gelehrt und differenziert aufgebaute Aufruf" recht oberflächlich und pauschal davon spreche, dass die Unterschiede in der Amtsfrage, im Kirchenverständnis und der Sakramentslehre die Trennung der Kirchen nicht rechtfertige und sogar die institutionelle Einheit fordere. Diener ist davon überzeugt, dass der Aufruf bestehende Diskrepanzen verkennt. Auch lässt er keinen Zweifel daran, dass er die Einheit für sehr wünschenswert hält. Sie stehe allerdings - "je nach Auslegung"- auf tönernen Füßen. Der Allianzvorsitzende betont, der Aufruf unterschlage, dass das gemeinsame Fundament in vielen ethischen Fragen durch "bedenkliche Entwicklungen in den evangelischen Kirchen" in den vergangenen Jahren zunehmend geringer geworden sei. Er macht ebenso deutlich, dass ein Heranrücken an eine "Taufwiedergeburtslehre" von der Allianz nicht mitgetragen werden kann. Diener wörtlich: "Schließlich kann ich nur bedauern, dass der Aufruf aus der biblischen Einheit von Glaube und Taufe eine reine „Taufgemeinschaft" werden lässt und damit einer Taufwiedergeburtslehre nahe rückt, die wir als Deutsche Evangelische Allianz nicht vertreten können." Stattdessen unterstützt die Allianz den Wunsch nach "intensivem Ringen um lehrmäßige Übereinstimmung" und strebt nach einer "zeugnisstarken Einheit in versöhnter Verschiedenheit". Jetzt sei aber "nicht die Zeit für eine institutionelle Einheit von evangelischer und katholischer Kirche".

Herzhafter Entschluß überwindet keine Wertekonflikte

Auch vom Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz wird der Aufruf kritisch gesehen. Wie Michael Diener hält auch Robert Zollitzsch eine "volle sichtbare Einheit der Kirche" für nicht absehbar. Der Erzbischof von Freiburg sieht vor allem theologische Gründe, die einer Überwindung der Kirchenspaltung entgegenstehen. Zum Problem eines gemeinsamen ethischen Fundamentes hat sich überdies Kardinal Meisner ähnlich wie die Evangelische Allianz geäußert. Der Erzbischof von Köln wies darauf hin, dass gerade in jüngster Zeit "so mancher gewichtige konfessionelle Gegensatz nicht nur bestehen bleibt, sondern sich bisweilen sogar verstärkt". Das gelte nicht nur auf dem Gebiet der Glaubensfragen, sondern "ganz besonders auf dem Gebiet der christlichen Ethik", so Meisner. Nicht zuletzt warnt Meisner auch vor einem deutschen Sonderweg. Er hob hervor, dass die Katholische Kirche ein Weltkirche mit 1,3 Milliarden Christen ist. Fragen der Ökumene könnten deswegen zwar im nationalen Raum diskutiert, aber nicht verbindlich entschieden werden. In seiner kritischen Würdigung des Aufrufes geht Meisner noch einen Schritt weiter als Diener. Markant stellt Meisner fest: "Die Autoren des Appells zur Ökumene erwecken den Eindruck, als bedürfe es nur eines herzhaften Entschlusses, die Einheit im Glauben herzustellen. Das wirkt für die mit der Ökumene Beauftragten sehr ernüchternd, um nicht zu sagen deprimierend."

Keine Einheit der Kirche ohne Einheit der Werte

Zu den Erstunterzeichnern des Aufrufes zur Überwindung der Kirchentrennung gehören neben Richard von Weizsäcker und Norbert Lammert u.a. Gerda Hasselfeldt, Günter Jauch, Frank-Walter Steinmeier, Arnold Stadler, Günther Uecker, Antje Vollmer. Die Unterzeichner präsentieren ihren Aufruf im Internetportal oekumene-jetzt.de der Öffentlichkeit.  MEDRUM dokumentiert den Aufruf im Wortlaut → Ökumene jetzt: ein Gott, ein Glaube, eine Kirche. Die Worte christliche Ethik oder christliche Werte sind im Prominentenaufruf nicht enthalten. Der Mangel an Gemeinsamkeit in zentralen Fragen der christlichen Ethik, beispielsweise in Fragen der Abtreibung oder der Sexualethik, wird von den Unterzeichnern des Aufrufes übergangen. Gemeinsame Werte sind jedoch die Voraussetzung für gelebte Gemeinsamkeit und Einheit in der Wirklichkeit. "Keine Einheit der Kirche ohne Einheit der Werte", könnte daher im Sinne von Kardinal Meisner und Michael Diener auf den Appell zur Überwindung der Kirchentrennung geantwortet werden.


Leserbriefe

Da fehlt noch sehr viel

Stimme mit Michael Diener überein. Selbst innerhalb der evangelischen Kirche gibt es so viele Unterschiede, die uns am Ende gar innerhalb einer Kirche trennen. Es ist keine Frage: ich kann mit jedem Christen, gleich welcher Konfession, gute Gemeinschaft haben, wenn er wirklich glaubt: Jesus Christus ist Gottes Sohn, er ist für unsere Sünde am Kreuz gestorben, er ist auferstanden, zu Gott gegangen und wird wiederkommen. Wer glaubt, dass die Bibel Gottes Heiliges Wort ist, nach dem wir uns zu richten haben, dass wir uns entscheiden müssen, Jesus nachzufolgen um Christ zu sein. Ja, mit vielen kann ich beten, singen, Gott loben. Aber eben leider nicht mit allen. Hat nicht gerade Herr von Weizsäcker sich geweigert, sich klar zu seinem Glauben an Jesus zu bekennen? Wird nicht der Frau eines Pfarrers in Sachsen das Abendmahl verweigert und sie wurde entlassen, weil sie aus Gewissensgründen die Kirche verlassen hat? Wo ist da die Gemeinschaft aller Gläubigen? Der Prophet Jeremia warnt schon davor, nur so oberflächlich alles als gut zu bezeichnen. Auch wenn wir uns mehr Einheit wünschen und sicher manches Trennende eher nebensächlich ist - nur Jesus Christus selbst kann Einheit durch Seinen Heiligen Geist schaffen.

Falsche Marschrichtung

Das Stichwort ist in dem Aufruf gefallen: Leib Christi. Es geht letztendlich nicht um zwei Kirchen, die aufeinander zu gehen, sondern um zwei Kirchen, die auf Jesus Christus zugehen. Das wird aber solange nicht geschehen, wie man die verändernde Kraft Gottes scheut und sich lieber auf kirchenpolitische Fragen konzentriert. Die kann man mitgestalten, da hat man die Zügel der Hand, da kann man sich auf Positionen zurück ziehen. Letztendlich sind diese Manöver nur Menschwerk und somit nicht zielführend. Vermutlich muss erst der Antichrist in Erscheinung treten, um den unbedingten Willen zur Einheit in Christi hervorzurufen.

Zu Einheit gehört Wahrheit

DANKE wieder für diese exquisite Berichterstattung! Eine Wohltat für alle, die um Wahrhaftigkeit bemüht sind und die sich nicht von Illusionen dieser oder jener Art leiten lassen wollen. Zu Einheit gehört Wahrheit. Nur aus ihr ergibt sich ehrliche Einmütigkeit und der Geist des Friedens (Eph 4,3). Was in den letzten Jahren von Teilen der EKD-Führung an theologisch-ethischen Irreführungen und kirchlichen Torheiten auf den Weg gebracht wurde (N.B. gegen bessere Einsichten in früheren Zeiten der EKD-Geschichte), geht bald auf keine Kuhhaut mehr. Die Initiatoren des Aufrufs haben zwar gute Absichten, sie sind aber selber unangemessen bis spärlich informiert, was die neueren kirchlichen Entwicklungen in der EKD angeht: angefangen von der EKD-synodal akzeptierten Zersetzung des biblisch-theologischen Geschlechter- und Ehe-Ethos bis hin zur jüngsten Preisgabe des unbedingten Lebensschutzes durch den EKD-Ratsvorsitzenden. Davor kann kein ehrlicher Christ und kein Theologe die Augen schließen, der sich noch der reformatorisch verstandenen "evangelischen Freiheit" verpflichtet weiß.

Tragisch ist aber nicht, dass Irrwege beschritten worden sind, sondern dass die Verantwortungsträger sich vor selbstkritischer Überprüfung bestimmter Eigenmächtigkeiten scheuen und dem theologisch soliden Diskurs immer wieder ausweichen, sobald er für sie unangenehm wird - ganz gegen die bessere reformatorische Botschaft, die im Zeichen der Lebenshingabe Jesu Christi "eigentlich" tiefe, befreiende Umkehr ermöglicht. Wie lange noch will man in diesem Stil und in diesem Geist etwa auf das 500. Reformationsjubiläum anno 2017 zugehen? Gefragt sind damit besonders die Führungsgremien und die Führungspersönlichkeit in der EKD, deren Namen bekannt sind.

MfG, Rolf-Alexander Thieke,
Pfr. und Rell. i.R.

Prominente Laien haben wenig verstanden

Der Aufruf prominenter Katholiken und Protestanten „Ökumene jetzt“ – Ende der Spaltung, ist eine logische Folge der Entwicklung zur Profillosigkeit in den beiden Großkirchen, insbesondere der Protestantischen. Je mehr man sich von der eigenen Grundlage – der Bibel als dem allein verbindlichen Wort Gottes – entfernt, umso mehr schwindet das Bewusstsein für die Unterschiede und umso mehr wächst das Bedürfnis zur Einigung. Das Ringen um die rechte Erkenntnis des Willens Gottes, anhand seines Wortes wurde weitgehend aufgegeben. Aber, Liebe ohne Wahrheit ist nicht tragfähig, Einheit ohne gemeinsame Erkenntnis fehlt die Basis und wird deshalb nicht gelingen. Im Bibelverständnis sind sich beide Konfessionen zwar recht nahe gekommen, weil die meisten Theologen beider Seiten gleichermaßen die irrige historisch– kritische Bibelauslegung vertreten. Je mehr die Konfessionen auf einer falschen Grundlage zueinander rücken, umso mehr werden die wahrhaft Bibeltreuen unter Druck geraten. Auch viele Evangelikale, denen die Wahrheitsfrage unwesentlich geworden ist, werden dann auf diesen Einheitszug aufspringen. Ein Zeichen der (End-) Zeit: Sie werden viele verführen (Mt. 24,24). Da spielt dann die Wahrheitsfrage und biblische Lehre keine so entscheidende Rolle mehr. In ethischen Fragen allerdings wie Abtreibung, Ehe, Sexualethik (Homosexualität), hat sich die evangelische Kirche weit vom Wort Gottes entfernt. Es gibt darum auch kein gemeinsames ethisches Fundament mehr, was noch vor wenigen Jahrzehnten selbstverständliche gemeinsame Positionen waren. Aber christlicher Glaube ist mehr als biblische Ethik. Umgekehrt: christliche Ethik ist die Folge biblischen Glaubens. Man möchte heute eine institutionelle Einheit als politischen Faktor in der Gesellschaft. Von dem was Kirche (Gemeinde Jesu) wirklich ist, haben jene prominenten Laien offensichtlich wenig verstanden. Sie ist eine aus der Welt herausgerufene Gemeinschaft von Gläubigen, ein Leib mit vielen Gliedern, an dem Christus – aufgrund seines Opfertodes am Kreuz – das Haupt ist. Die wahre Gemeinde Jesu ist nicht an irgendeine Konfession od. Institution gebunden.
Roland Heppel