"Kinder sind das Erbgut einer Gesellschaft und starke Familien ihr Rückgrat"


28.06.11

"Kinder sind das Erbgut einer Gesellschaft und starke Familien ihr Rückgrat"

Erziehungswissenschaftler Wunsch im Gespräch über Erziehung und Gewaltprävention

(MEDRUM) Der Erziehungswissenschaftler Albert Wunsch war einer der Experten, die am Kongress "Bindung - Bildung - Gewaltprävention" mitwirkten, welcher vom Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V. (iDAF) unter der Schirmherrschaft des Sächsischen Ministerpräsidenten am 22. Juni 2011 im Dresdener Landtag durchgeführt wurde. Wunsch widmete sich dort im Panel „Abbau des Aggressionspotentials durch Bildung und Familie" dem Thema „Weniger Anfälligkeit durch konsequente Erziehung". Wunsch stellt sich nach dem Kongress dem Gespräch über Fragen der Erziehung und Gewaltprävention.

Frage: Herr Dr. Wunsch, Sie kommen gerade vom Kongreß "Bindung, Bildung, Gewaltprävention" und haben dort über konsequente Erziehung als Mittel der Gewaltprävention gesprochen. Was ist für sie eine konsequente Erziehung?

Wunsch: Konsequent ist eine Erziehung dann, wenn sie auf die Realitäten des Lebens, kurz auf die zu erwartenden Höhen und Tiefen gut vorbreitet. Sie orientiert sich an dem Grundsatz, dass Lernen dann besonders wirkungsvoll ist, wenn die Folgen unseres Tuns zwischen Erfolg und Misserfolg möglichst unmittelbar erfahrbar werden dürfen.

Frage: Was brauchen Kinder, um zu starken Persönlichkeiten heranreifen zu können?

Wunsch: Sie brauchen Werte, die mit Verantwortung in ein eigenständiges Leben führen. Sie brauchen Eltern, die Zeit für positive Zuwendung einbringen, personale Kompetenz vermitteln und fürs Leben ermutigen. Sie brauchen Kindergärten - nicht Krippen -, welche neue Erfahrungen ermöglichen und soziale Kompetenz fördern. Sie brauchen funktionsfähige Schulen, die qualifiziert und motiviert Können ermöglichen, und sie brauchen gesellschaftliche Rahmenbedingungen, welche Familien bei ihren vielfältigen Aufgaben gezielt stützen.

Frage: Was müssen Eltern berücksichtigen, um ihre Kinder ermutigend auf das Leben vorzubereiten?

Wunsch: Soll die Entwicklung von Kindern nach ihrer, mit der Geburt vollzogenen, biologischen Entbindung gut gelingen, ist viel Nähe, Zuwendung und Verlässlichkeit zwischen Mutter und Säugling notwendig, um - nach gekappter Nabelschnur - das Bedürfnis nach emotionaler Zuwendung zu stillen. So wird eine verlässliche liebevolle Bindungs-Erfahrung zur Basis dafür, das neue und unsichere Lebensumfeld zu erkunden, für Lern- und Bildungsprozesse insgesamt. Fehlt diese Erfahrung oder ist sie ungenügend vorhanden, wird die damit einhergehende Unsicherheit zur allgegenwärtigen Blockade.

Frage: Sie halten auch funktionsfähige Schulen für wichtig. Was verstehen Sie darunter?

Wunsch: Schule ist der Ort, wo Kenntnisse, eigenständiges Denken und kompetentes Handeln erlernt werden sollen. Findet dies in einem abgestimmten Erziehungskonzept statt, kann so Bildung wachsen. Zur Gewährleistung gehören: eine angemessene Ausstattung, fähige Lehrkräfte, engagierte Eltern und lernbereite Schüler. Mangelt es in einem Bereich, wird sofort der Gesamterfolg reduziert.

Frage: Und was heißt das nun speziell für Lehrkräfte?

Wunsch: Wenn wir die Ergebnisse der Bindungsforschung ernst nehmen, auch die von Prof. Gordon Neufeld aus Vancouver in Dresden eingebrachten Impulse verdeutlichen dies, dann sind fähige und motivierende Lehrkräfte keine reinen Stoffvermittler - das können PC-Programme billiger und besser - oder Verwalter eines Curriculums, sondern fest im Leben stehende Persönlichkeiten mit einer ermutigenden Ausstrahlung. Mit diesen Voraussetzungen können sie Kinder und Jugendliche auf das Alltagsleben und den Beruf gut vorbereiten. Lange bevor sich unterschiedlichste Wissenschaftler mit der fundamentalen Bedeutung der Bindung für jegliche Bildungsprozesse beschäftigten, hat schon Hermann Nohl die Bedeutung des „Pädagogischen Bezugs" herausgestellt. Wir sollten uns neu vergegenwärtigen, dass Lernen in der Regel mit Aufmerksamkeit und Mühe verbunden ist, ob es um Wissensaneignung, seine Anwendung oder um soziale bzw. emotionale Prozesse geht. Auch Goethe verdeutlicht diesen Zusammenhang sehr einprägsam: ‚Man lernt nur durch den, den man liebt'!

Frage: Der Schwerpunkt des Symposiums lag im Themenfeld Gewaltprävention. Wie entsteht ihrer Auffassung nach Gewaltbereitschaft und wie äußert sie sich?

Wunsch: Gewalt entsteht, wenn ein Kind, auch ein kleines Kind, keinen anerkannten Platz in seinem Umfeld, der Familie findet, weil

  • zu wenig Beziehungszeit existiert,
  • ständig wechselnde Bezugspersonen Unsicherheit und Stress auslösen,
  • Kinder sich nicht altersgemäß einbringen können,
  • Überbehütung und Über-Umsorgung das wachsende Ich erdrückt,
  • keine Einplanbarkeit in den Reaktionen existiert (heute so und morgen anders) oder
  • offensichtlich Missachtung, Verwahrlosung Gewalt und Missbrauch deutlich wird.

Dann können Kinder keine oder zu selten ‚Ich-werde-geliebt-und-wertgeschätzt-Erfahrungen' machen bzw. ‚Ich-kann-was-bewirken-Rückmeldungen' erhalten. Aber: Wer kein Selbstvertrauen entwickeln kann, der traut auch keinem Anderen! Wer keine Wertschätzung erfährt, wird auch nichts Anderes wertschätzen! Anstelle eines positiven Selbstbildes entwickeln sich so Unsicherheit, Trägheit und Unfähigkeit, sowohl körperlich wie auch geistig! So wachsen Kinder heran, die machtvoll ihre Ohnmachts-Erfahrungen zu kompensieren suchen. Diese äußern sich dann eher still und kaum bemerkt als nicht mehr wollen, als Unterwerfung, als Depression oder laut bzw. offensichtlich als gewaltsam alles Habenwollen, als Tyrannei, als Aggression. Die Botschaft lautet: ‚Wenn ihr mich nicht wertschätzt, dann werde ich mir durch destruktives Verhalten selbst Beachtung verschaffen'. Es schaltet einfach auf Störung!

Frage: Herr Dr. Wunsch, wie könnte ein Fazit Ihrer Gedanken lauten?

Wunsch: Der Satz von John F. Kennedy bringt das Dilemma heutiger Bildungspolitik auf den Punkt: „Es gibt nur eins, was auf Dauer teurer ist als Bildung: keine Bildung". So ist ein größtmöglich qualifizierter erzieherischer Aufwand überlebensnotwendig, denn Kinder sind das Erbgut einer Gesellschaft und starke Familien ihr Rückgrat.

______________________________________

ImageDr. Albert Wunsch
ist Diplom-Sozialpädagoge, Psychologe und promovierter Erziehungswissenschaftler (Psychologie, Pädagogik, Kunst). Als Dozent für Erziehungswissenschaft, Elementarpädagogik und Konzepte der sozialen Arbeit lehrt er unter anderem die Lehrgebiete Kleinkindpädagogik und Eltern-Qualifikationsprogramme an der Katholischen Fachhochschule Nordrhein-Westfalen, Abteilung Köln, sowie als Lehrbeauftragter an der Philologischen Fakultät der Universität Düsseldorf. Seit zwei Jahren lehrt Wunsch auch an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Vallendar und arbeitet darüber hinaus in einer eigenen Praxis als Paar-, Erziehungs- und Konfliktberater.

 

ImageAlbert Wunsch ist ebenso durch Auftritte in Fernsehsendungen wie durch seine Publikationen, insbesondere durch seine Bücher "Abschied von der Spaßpädagogik" und "Die Verwöhnungsfalle" bekannt. Er spricht sich für für einen Kurswechsel in der Erziehung aus und fordert dazu eine Abkehr von hohem Anspruchsdenken und extremem Egoismus, eine andere Mitwirkung der Schulen, die eine Kultur der Anstrengung fördern müssen, und eine Familienpolitik, die die elterliche Erziehung (auch finanziell) fördert und nicht dafür sorgt, dass Kinder schon in den ersten Lebensjahren in eine ganztägige Fremdversorgung abgeschoben werden, wie es durch das familienpolitisch verordnete Krippenausbauprogramm der Bundesregierung ermöglicht werden soll. In seinem Buch "Die Verwöhnungsfalle" beschreibt er den interessanten Zusammenhang, der zwischen  verwöhnender Erziehung und gefährdeter Partnerschaft besteht. "Die beste Voraussetzung für eine glingende Partnerschaft ist eine ermutigende und zu Selbstverantwortung führende Erziehung!", sagt Wunsch. Er empfiehlt als ergänzenden Lesestoff zum Thema "Partnerschaft" das Buch von Hans Jellouschek, 'Die Kunst als Paar zu leben'.

Weitere Information www.albert-wunsch.de

Kontakt - email: albert.wunsch(at)gmx.de


18.05.11 MEDRUM Gewalttätige Kinder und Jugendliche bieten keine gute Zukunft