Diese Woche auf VolksLesen.tv


12.10.08

Diese Woche auf VolksLesen.tv: Elfriede Brüning liest.

"Vom schlimmen Anfang", "Geschwister Oppermann",  "Verwirrung der Gefühle" und Die Wohlgesinnten"

(MEDRUM/VL-TV) Elfriede Brüning ist 98 Jahre alt. Sie hat fast ein Jahrhundert deutscher Geschichte erlebt - die Weltwirtschaftskrise, den Nazi-Wahnsinn, die Euphorie des sozialistischen Aufbaus, das Verkommen der DDR und ihren Untergang, die Wende, ...

1910 als Tochter eines Tischlermeisters und einer Näherin in Berlin geboren, begann sie bereits mit sechzehn Jahren Reportagen und Feuilletons zu schreiben, die in den großen überregionalen Zeitungen - Berliner Tageblatt, Vossische Zeitung, Frankfurter Zeitung - erschienen. 1930 war sie in die Kommunistische Partei eingetreten und 1932 wurde sie Mitglied im "Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller", dem unter anderen Bertolt Brecht, Anna Seghers, Ludwig Renn und Johannes R. Becher angehörten.

In den ersten Jahren des Dritten Reiches arbeitete Elfriede Brüning im kommunistischen Widerstand. Ende 1935 wurde die Autorin inhaftiert; der Prozess wegen Vorbereitung zum Hochverrat gegen sie endete 1937 mit einem Freispruch. Den Zweiten Weltkrieg verbrachte sie ab 1943 auf dem Gut ihrer Schwiegereltern in der Magdeburger Börde.

Elfriede Brüning kehrte 1945 zurück nach Berlin. Ab 1950 lebte und arbeitete sie als freie Schriftstellerin in der DDR, wo sie in verschiedenen Verlagen sechzehn Bücher herausbrachte und eine viel und gerne gelesene sowie heftig diskutierte Schriftstellerin war.

Ihr bekanntestes Buch heißt „Regine Haberkorn". Der SPIEGEL schreibt 1956: „Der Facharbeiter Erwin Haberkorn - Romanfigur einer Ostberliner Neuerscheinung - ist nicht der erste Mann, der eines Tages zwischen der Geliebten und der Frau zu wählen hat. Er ist auch nicht der erste, der - nach manchem Hin und Her - dann doch zu seiner legitimen Frau hält. Neu sind indessen Motive und Begleitumstände dieser Entscheidung."

Der Roman ist auch heute noch lesenswert. Er atmet die Begeisterung für den sozialistischen Aufbau. Gleichzeitig beschreibt er aber auch das, was später zum Scheitern des großen Experiments „Sozialismus" geführt hat.

Elfriede Brüning hat den Untergang der DDR mit großem Bedauern erlebt. Heute fühlt sie sich, als wäre sie vom Regen in die Traufe geraten. Sie ist eine ganz ungewöhnliche Frau, die nicht mit Verbitterung auf die Vergangenheit reagiert.

Für VolksLesen liest Elfriede Brüning ihren Text „Vom schlimmen Anfang". 1933 war sie Augenzeugin der Bücherverbrennung auf dem Opernplatz, heute Bebelplatz, in Berlin. „Siebzig Jahre sind vergangen seither, ein ganzes Menschenalter, und doch stehen mir die Bilder jenes verhängnisvollen Tages vor Augen, als wäre alles gestern gewesen."

Außerdem haben wir Elfriede Brüning gebeten, aus drei verbrannten Büchern zu lesen.

Das erste Buch, das Elfriede Brüning ausgewählt hat, sind die "Geschwister Oppermann" von Lion Feuchtwanger.

"Berthold sah die langen, hohen Reihen der Bücher auf und nieder. Dies alles war Deutschland. Und die Leute, die diese Bücher lasen, waren Deutschland. Die Arbeiter, die in ihrer freien Zeit sich in ihre Arbeiterhochschulen setzten und ihren schwerverständlichen Karl Marx büffelten, waren Deutschland. Und das Philharmonische Orchester war Deutschland. Und auch das Autorennen auf der Avus und die Arbeitersportvereine waren Deutschland. Aber, leider, auch das Nationalsozialistische Liederbuch war Deutschland und das Pack in den braunen Uniformen. Soll wirklich dieser Unsinn das andere fressen?"

Das Buch beschreibt den Ausbruch des faschistischen Wahnsinns in Deutschland zwischen November 1932 und Spätsommer 1933 am Beispiel einer jüdischen Familie - der Geschwister Oppermann.

Es geht um drei Brüder - Gustav, Martin und Edgar - und um ihre Familien. Alle drei - zwei Eigentümer einer Möbelfabrik und ein Arzt - fühlen sich als Deutsche in Deutschland zuhause. Innerhalb weniger Monate verlieren sie ihren Platz in der Gesellschaft, ihr Eigentum und können ihr Leben nur durch Flucht retten. Sie können zunächst nicht glauben, dass sich das Land, das ihr zuhause ist, an die Barbaren, an die Völkischen, verschachern lassen wird. Erschreckend und heute unbegreiflich ist die Rasanz dieser Entwicklung.

Als zweiten Text liest Elfriede Brüning die Novelle „Verwirrung der Gefühle" von Stefan Zweig. Zentrales Thema dieses Bandes ist die Steigerung von langsam erwachenden Gefühlen zu unerwarteten Leidenschaften. Es ist die Charakterstudie eines Professors - der, für die damalige Zeit fatal - homosexuell ist.

"Ich habe von je den Ehebruch verabscheut, nicht aber um einer rechthaberischen Moral willen, aus Prüderie und Sittsamkeit, nicht so sehr, weil er Diebstahl im Dunkeln bedeutet, Besitznahme fremden Leibs, sondern weil jede Frau in solchen Augenblicken das Heimlichste ihres Gatten verrät - jede eine Delila, die dem Hintergangenen sein menschlichstes Geheimnis wegstiehlt und einem Fremden hinwirft, das Geheimnis seiner Kraft und seiner Schwäche. ... Aber der Körper unter mir gehorchte nicht mehr dem Willen, er wühlte wild in seiner eigenen Lust. Und schaudernd küßte ich die Lippe, die meinen liebsten Menschen verriet."

Das dritte Buch, aus dem Elfriede Brüning liest, gehört nicht zu den verbrannten Büchern. Es ist „Die Wohlgesinnten" von Jonathan Littell. Sie war nur zögerlich an die Lektüre dieses Buches herangegangen, wurde dann jedoch sehr beeindruckt. Das Buch ist die fiktive Lebensbeichte eines SS-Mannes. In der Szene, die sie vorliest, verhört der SS-Mann einen sowjetischen Politkommissar. Das Verhör entwickelt sich zu einem Streitgespräch über Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen Sozialismus und Nationalsozialismus. Elfriede Brüning sagt: „Toll find ich diesen Text!"

Gerade ist Elfriede Brünings neues Buch erschienen: „Ich musste einfach schreiben, unbedingt ... - Briefwechsel mit Zeitgenossen 1930 - 2007" (Hrsg. Elenore Sent, Klartext Verlag) Die Korrespondenzen zeigen die Autorin im Austausch mit befreundeten Schriftstellern, literarischen Mentoren, Kritikern, Verlegern und Lektoren. Wichtige, immer wieder aufgegriffene Themen sind Möglichkeiten des Schreibens in der NS-Zeit, Literatur im Exil und in der "inneren Emigration"; Widerstand und Terror in Nationalsozialismus und Kommunismus; die Arbeit des BPRS in der Illegalität nach 1933, DDR-Literatur und Zensur, Diskussionen um den ästhetischen Anspruch von Unterhaltungsliteratur.

"Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen." Heinrich Heine

VolksLesen.tv ist eine Website für Menschen, die Bücher lieben. Sie lesen vor der Kamera kurze Ausschnitte aus den Büchern, die ihnen wertvoll sind. So erhalten Sie einen Eindruck des Textes, des Klangs der Worte. Gleichzeitig sehen Sie Denjenigen, der ihn empfiehlt. Jede Woche stellen VolksLesen.tv vier neue Lesungen vor, die thematisch zusammenhängen.

Im Mittelpunkt steht der Mensch, der liest; nicht die perfekte Lesung.

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