Dialog und Offenheit statt Abgrenzung und Ausgrenzung


31.03.09

Dialog und Offenheit statt Abgrenzung und Ausgrenzung

Ratsvorsitzender der EKD, Bischof Dr. Wolfgang Huber, im Interview mit Deutschlandradio Kultur

(MEDRUM) Das Verhältnis der Evangelischen Landeskirche zur Bewegung evangelikaler Christen und der Großveranstaltung "ProChrist 2009" war Thema eines Interviews, das Bischof Dr. Wolfgang Huber, Ratsvorsitzender der Evangelischen Landeskirche heute im Deutschlandradio Kultur gegeben hat.

Es ist für einige Medien fast schon Trend geworden, Evangelikale als Fundamentalisten abstempeln zu wollen. So glaubte "DER SPIEGEL" im letzten Jahr, vor einem fundamentalistisch geprägten Machtanspruch und dem Versuch einer zunehmenden politischen Einflußnahme und ihren Gefahren in Deutschland warnen zu müssen. Solche Klischees reichen bis hinunter in die Köpfe einer Szene von Zeitungsmachern, die im Magazin "Q-rage" für bundesdeutsche Schulen evangelikale Christen als Verbreiter verfassungsfeindlicher Ideologien diffamierten und über den Jugendkongreß "Christival 2008" desinformierten. Sie erhielten dafür reichlich Applaus von SPIEGEL und TAZ.

Auch innerhalb der großen Gruppe evangelischer Christen gibt es diesseits und jenseits der Evangelischen Landeskirche bis hin zu Pfarrerinnen und Pfarrern immer wieder Fragen über die evangelikale Bewegung und das Verhältnis zwischen der Evangelische Kirche und evangelikalen Christen.  So meinte im letzten Jahr die evangelische Pfarrerin Anette Kick in der TAZ, es gebe bis zu 300.000 Fundamentalisten unter den Evangelikalen. Auch deshalb werfen Aktivitäten, wie sie jetzt bei der spendenfinanzierten Veranstaltung "ProChrist 2009" in der Chemnitz Arena vom 29. März bis 5. April ins Rampenlicht der Öffentlichkeit treten, die Frage auf, wie eine solche Gottesdienstgroßveranstaltung mit ihrem eigenen, eigenständigen Profil einzuordnen sind.

Vor diesem Hintergrund wurde Wolfgang Huber heute im Deutschlandradio zur Veranstaltung ProChrist und zu seiner Position befragt. Huber bezog zu einer ganzen Reihe von Fragen eine klare Position. Zu Beginn stellte er heraus, dass es die immer wieder behauptete Amerikanisierung in der evangelikalen Bewegung nicht gebe. Huber: "Wir müssen uns in Deutschland nicht auf amerikanische Verhältnisse einstellen. Auch in der Evangelischen Landeskirche gibt es eine eigenständige, pietistische Tradition, eine eigenständige, in Deutschland beheimatete Frömmigkeitsrichtung, die sich jetzt an der einen oder anderen Stelle auch mit Einflüssen aus der USA verbindet, aber es ist vollkommen unrichtig, wenn man beispielsweise ProChrist als eine Amerikanisierung deutscher Verhältnisse anschauen würde."

Huber lehnte es auch ab, ProChrist und die positive Resonanz, die eine solche Veranstaltung bei Menschen findet, als Konkurrenz zur Evangelischen Landeskirche zu sehen, über die er besorgt sein müsse. Ob ihn das nicht ins Grübeln bringe, wurde er gefragt. Huber erklärte, das Gegenteil sei der Fall: "Ich freue mich, wenn ProChrist Resonanz hat. Ich weiß ganz genau, diese Resonanz verdankt sich zum Teil der Evangelischen Landeskirche und denjenigen dann auch, die an den Teil der Evangelischen Landeskirche gerückt sind. Hoffentlich werden viele erreicht, die infolge der DDR-Geschichte den Glauben verlernt haben und ihn jetzt hoffentlich wieder Buchstabieren lernen. Und wenn ich deswegen jetzt auch für missionarische Aktivitäten eintrete, dann erlebe ich ja manche, die mir sagen, Wolfgang Huber ist offenbar evangelikal geworden, weil er für Mission ist. Da haben wir eine ungeheure Verdrehung der Debatte."

Wolfgang Huber sieht in unterschiedlichen kirchlichen Profilen keine Gegensätze oder gar Grund zur Abgrenzung gegen Aktivitäten wie von ProChrist oder in unterschiedlichen Kirchengemeinden. Er erklärte, es sei gut, wenn es sich ergänzende Kirchenprofile in Nachbargemeinden gebe. Für Huber stehen der Dialog und das Miteinander, nicht aber Berührungsängste und Ablehnung im Zentrum. Er plädierte dafür, dass man in Begegnungen mit solchen Aktivitäten wie jetzt mit ProChrist offen und vorurteilsfrei hineingehen sollte. "Wenn es inhaltlich etwas zu kritisieren gibt, dann soll man es kritisieren, aber man soll jetzt keine Angstfiguren aufbauen.", so Huber. Seine Auffassung vom Zugehen der Kirche auf den Menschen und den Umgang mit dem christlichen Glauben kennzeichnete er mit den eindrucksvollen Sätzen: "Ich lasse keinen Menschen, der Mitglied unserer Kirche ist, außen vor und ich weiß ganz genau, dass ProChrist einen großer Überschneidungsbereich mit unseren Kirchen hat, und ich weiß ganz genau, hab das auch erlebt, das auch bei Christival viele junge Leute aus dem landeskirchlichen Bereich gewesen sind. Die will ich doch ansprechen, die will ich erreichen, die will ich in der Tat auch gewinnen für diejenige Verbindung von Glaube und Vernunft, von Glaube und Bildung, für die ich als Person stehe, und für die unsere Kirche steht. Aber ich hab noch nie einleuchtend gefunden, dass Dialogverweigerung, dass Ausgrenzung, dass Angst vor dem Gespräch mit anderen ein guter Ratgeber seine könnte. Und ich bin außerordentlich irritiert durch diejenigen Stimmen, die uns neue Formen der Abgrenzung, der Ausgrenzung, der verweigerten Dialogs nahe legen wollen. Das kann ich überhaupt nicht gut finden."

Auch das Verhältnis zwischen Evangelischer Landeskirche und der evangelikalen Bewegung sieht Huber auf einem positiven Entwicklungsweg: "Man muß doch mal schauen, wie sich bei uns die Haltung von evangelikalen Gruppen in unserer Kirche auch verändert hat. Es ist richtig, dass wir vor 20 Jahren eine Konfrontation in der EKD hatten, dass wir sehr belastende Flügelkämpe gehabt haben. Wenn wir die jetzt nicht mehr haben, dann muß man doch jetzt nicht darüber traurig sein, sondern da kann man sagen, da hat sich offenbar auf beiden Seiten etwas bewegt. Im landeskirchlichen Normalspektrum hat sich bewegt, dass wir eingesehen haben, dass der Missionsauftrag, das Zugehen auf Menschen, die den Kontakt zum christlichen Glauben verloren haben, dass das keine Aufgabe von vorgestern ist, sondern dass diese Aufgabe sich heute und morgen stellt. Und im evangelikalen Bereich hat sich verändert, dass man nicht mehr meint, dass man seine eigene Rechtgläubigkeit durch Abgrenzung von der Evangelischen Kirche meint beweisen zu müssen.", betonte der Ratsvorsitzende.

Wolfgang Huber erhielt für seine Haltung spontanen Zuspruch und besonderen Dank.


MEDRUM-Artikel -> Deutschland im "Jesu-Aufschwung"