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Kein Grund zur Reflexion?


04.01.10

Kein Grund zur Reflexion?

Ratsvorsitzende der EKD weist Kritik an ihrer Neujahrspredigt zurück

Ein Kommentar von Kurt J. Heinz

(MEDRUM) Die Neujahrspredigt der Ratsvorsitzenden der EKD, Landesbischöfin Margot Käßmann, ist auf vielfache Kritik gestoßen. Im Internetportal der Evangelischen Kirche "evangelisch.de" weist Käßmann die Kritik zurück. Sie sieht offenbar keinen Grund zur Reflexion.

Die Predigt von Margot Käßmann rief zahlreiche Kritiker auf den Plan. Vor allem an ihrer Forderung nach dem Rückzug der Streitkräfte aus Afghanistan wurde Anstoß genommen.  Dafür zeigte Käßmann kein Verständnis. Wer ihre Neujahrspredigt lese, sehe glasklar, dass dort kein "sofortiger Abzug deutscher Streitkräfte aus Afghanistan gefordert wurde", so Käßmann.

Damit hat Käßmann völlig recht. Sie forderte tatsächlich keinen "sofortigen" Abzug. Allerdings geht sie mit ihrer Zurückweisung inhaltlich keineswegs auf die Kritik ein. Niemand machte ihr zum Vorwurf, dass sie einen "sofortigen" Abzug gefordert habe. Käßmann vertrat jedoch die Auffassung, Soldaten sollen abgezogen werden, weil sie keinen Frieden schaffen, sondern Waffen gebrauchen würden. Stattdessen soll mehr Fantasie entwickelt werden. Infolgedessen kritisierte beispielsweise Wolfgang Schäuble auch einen völlig anderen, aber zentralen Punkt. Er hob hervor, daß bei der Betrachtung des Einsatzes von Streitkräften nicht die Vereinten Nationen und die internationale Zusammenarbeit bei der Bekämpfung des Terrorismus außer Acht gelassen werden dürfen.

Kritisiert wird deswegen vielmehr die Tatsache, daß Käßmann in ihrer Predigt über solche Zusammenhänge hinwegsah, indem sie den Eindruck erweckte, Soldaten könnten durch Fantasie ersetzt werden. Sie verband mit dem Fantasiebegriff die Kerzen und Friedensgebete der Menschen vor der Wende in der DDR. Wer dies in einer Weise wie Käßmann tut, setzt sich ignorant über all das hinweg, was die tatsächliche Lage in Afghanistan entscheidend kennzeichnet, und der setzt sich auch über das unermessliche Leid hinweg, dem die Bevölkerung in Afghanistan ausgesetzt war, bevor die Vereinten Nationen beschlossen hatten, aus humanitären Gründen zu intervenieren. Über Jahre hinweg gab die Entwicklung in Afghanistan den Vereinten Nationen Grund zu größter Sorge um Humanität und Menschenrechte in dem damals durch bewaffnete Auseinandersetzungen und Flüchtlingsbewegungen zutiefst erschütterten Land. Ein Auszug aus einem Beschluß des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2000 macht dies eindringlich deutlich:

"Der Rat bringt seine ernste Besorgnis über die Lage der Menschenrechte in Afghanistan zum Ausdruck, die unannehmbar ist. Er gibt seiner besonderen Beunruhigung darüber Ausdruck, dass die Taliban die von der internationalen Gemeinschaft zum Ausdruck gebrachten Besorgnisse weiter ignorieren. Der Rat verurteilt mit Nachdruck die Zwangsvertreibung der Zivilbevölkerung, insbesondere die von den Taliban 1999 durchgeführte Vertreibung, die gezielten Angriffe auf Zivilpersonen und die Zerstörung ihres Eigentums und ihrer Mittel zum Überleben, die summarischen Hinrichtungen, die willkürliche Inhaftierung von Zivilpersonen und die Zwangsarbeit von Gefangenen, die Trennung der Männer von ihren Familien, die wahllosen Bombardierungen und andere Verstöße gegen die Menschenrechte und das humanitäre Völkerrecht. Er fordert alle afghanischen Parteien, insbesondere die Taliban, auf, diesen Praktiken ein Ende zu setzen und den Schutz der Zivilpersonen sicherzustellen."

Zwangsvertreibung der Zivilbevölkerung, gezielte Angriffe auf Zivilpersonen, Hinrichtungen, willkürliche Inhaftierungen, Zwangsarbeit und wahllose Bombardierungen prägten das Geschehen, dem die Bevölkerung in Afghanistan durch die Taliban ausgesetzt war. Hundertausende wurden in die Flucht getrieben. Es gehört nicht viel Fantasie dazu zu begreifen, daß dieser schrecklichen Situation nicht über Jahre hinweg nur mit Appellen, Kerzen und Friedensgebeten, aber letztlich tatenlos zugesehen werden konnte und auch künftig nicht zugesehen werden darf. Wer dies nicht in Betracht zieht, wie es Käßmann in ihrer Neujahrspredigt vorzuhalten ist, muß sich nicht nur Kritik gefallen lassen, sondern hat allen Grund, über seine Predigt selbstkritisch zu reflektieren anstatt Kritik mit vordergründigen Argumenten bei Seite zu schieben - zumal die theologische Botschaft aus der Jahreslosung 2010 bei dieser Predigt auf der Strecke geblieben ist. Der evangelische Theologe und Religionspädagoge Rolf-Alexander Thieke erklärt zur biblisch-theologischen (homiletischen) Problematik: "Wir müssen festhalten, dass die Bischöfin sich bei der lockeren Art ihres Umgangs mit dem biblischen Text vergaloppiert hat, dass sie die biblische Kernaussage der Jahreslosung überhaupt nicht thematisiert hat" (Kommentar -> Ein biblisch-theologischer Fehlgriff). Die Jahreslosung mußte also dafür herhalten, in populistischer Form zu politisieren. Daß sich die Kritiker ihrer Predigt dagegen verwahren, dürfte niemanden verwundern. Es lohnt sich für die Bischöfin, dies zu reflektieren.


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