Zum sexuellen Kindesmissbrauch: "Die missbrauchte Republik"


21.11.10

Zum sexuellen Kindesmissbrauch: "Die missbrauchte Republik"

Eine Neuerscheinung auf dem Büchermarkt demaskiert das Massenphänomen des sexuellen Missbrauchs und seine Apologeten ("Aufklärung über die Aufklärer")

von Kurt J. Heinz

(MEDRUM) Das Jahr 2010 ist zu einem Jahr der Enthüllung des sexuellen Kindesmissbrauchs und Empörung über die katholische Kirche geworden. Damit zusammenhängende Fragestellungen zum Missbrauch, seiner Entwicklung und der öffentlichen Debatte darüber stehen deshalb im Brennpunkt des neu erschienen Buches "Die missbrauchte Republik - Aufklärung über die Aufklärer", herausgegeben von dem ehem. Oberkirchenratspräsidenten,  Professor Menno Aden, und dem Vorsitzenden der Kirchlichen Sammlung um Bibel und Bekenntnis in Bayern, Andreas Späth. Sie wollen aufklären, aufrütteln und Hilfestellung geben, damit Kinder künftig wirksamer vor dem Leid und Unrecht durch sexuelle Gewalt geschützt werden.

Meinungsbild im Widerspruch zur Realität

ImageDas Buch ist eine Analyse und Dokumentation verhängnisvoller Entwicklungen und Verstrickungen über die letzten Jahrzehnte hinweg. Die Schatten reichen bis in die Gegenwart. "Sexueller Missbrauch" wird nicht nur als Problem der Kirche, sondern als gesamtgesellschaftliches Massenphänomen der sexuellen Gewalt an Kindern entlarvt, deren Ursachen und Ausmaß trotz der Einrichtung eines Runden Tisches und vieler Maßnahmen, die im Raum der Kirche ergriffen werden, auch jetzt längst noch nicht zutreffend identifiziert, analysiert und im Bewusstsein der Öffentlichkeit verankert sind. Sexueller Missbrauch von Kindern ist ein Schandfleck ungeheuren Ausmaßes für die gesamte Gesellschaft.

Seit Anfang dieses Jahres sieht sich die bundesdeutsche Gesellschaft mit einer beispiellosen Welle von Enthüllungen über den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in kirchlichen und schulischen Einrichtungen konfrontiert. Aus der häufig veröffentlichten und durch verschiedene gesellschaftliche Kreise gestützten Meinung, der sexuelle Missbrauch von Kindern sei eine Art römisch-katholisches Problem, wurde, wie Umfragen zeigten, rasch öffentliche Meinung. Das Meinungsforschungsinstitut Allensbach stellte in diesem Jahr fest, dass 58 % der Bundesbürger das Risiko des sexuellen Missbrauchs in kirchlichen Einrichtungen für besonders groß hielten und 47 % der Bevölkerung  der Auffassung waren, Kindesmissbrauch durch katholische Priester ereigne sich häufig.

Die polizeiliche Kriminalstatistik und sozialwissenschaftliche Studien zeigen allerdings, dass dieses Meinungsbild erheblich an der Realität vorbeigeht: Einigen hundert öffentlich greifbar gewordenen Missbrauchsfällen, die sich im Laufe eines halben Jahrhunderts in katholischen Einrichtungen ereignet haben, stehen jährlich etwa 16.000, in der polizeilichen Anzeigestatistik erfasste, Vergehen und Verbrechen sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen gegenüber, die alljährlich in der deutschen Gesellschaft verübt, aber kaum debattiert werden.  So furchtbar jeder einzelne Fall - gerade in der Kirche - ist, so verhängnisvoll ist es aber zugleich, den Blick auf kirchliche und weltliche Einrichtungen zu fokussieren und die Augen vor der Flut von Untaten in der gesamten deutschen Gesellschaft zu verschließen. Damit wird über das wahre Ausmaß eines Unheils hinweggetäuscht, das Kinder täglich außerhalb solcher Einrichtungen erleiden. Sexueller Missbrauch ist gerade kein speziell kirchliches, sondern ein Massenphänomen in einer sexuell "befreiten" und im Namen der sexuellen Freiheit und Selbstbestimmung missbrauchten Gesellschaft.

Aufstand und Heuchelei

Einer der Gründe, weshalb jedoch hauptsächlich das Unrecht in der katholischen Kirche angeprangert wird, liegt in der Heuchelei des Aufstands der vermeintlich Anständigen. Es sind mitunter dieselben Kreise, die jetzt beständig mit dem Finger auf die katholische Kirche zeigen, die seit der 68er-Bewegung und teilweise bis Anfang dieses Jahrtausends noch Auffassungen vertreten oder gefördert haben, die von Verharmlosung der Pädosexualität bis hin zu deren offener Befürwortung reichen. So waren es nicht nur Pädophilenverbände, sondern auch Gremien von Parteien und sogenannter Bürgerrechtsbewegungen wie der Humanistischen Union, der wiederum auch namhafte Politiker aus FDP, SPD und Bündnis90/Die Grünen angehören, die ehemals für ein angebliches „Recht des Kindes auf Sexualität" eintraten. Der Vorstand der Humanistischen Union warnte noch vor wenigen Jahren vor einer Kriminalisierung von Pädophilen, und Pro Familia sowie die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung förderten bis vor kurzer Zeit mit Steuermitteln Broschüren, in denen Erzieher und Familienmitglieder im Rahmen sogenannter Sexualerziehung zu einem Umgang mit Kindern aufgefordert werden, der die Grenzen zum Missbrauch in gefährlicher Weise verwischt.

Diese Hintergründe und die fast schon reflexartigen Anklagen antiklerikaler und antikirchlicher Kreise gaben die beiden Hauptimpulse für Späth und Aden, ein Buch herauszugeben, mit dem sie Fehlentwicklungen der Vergangenheit dokumentieren und Protagonisten einer libertären Sexualauffassung demaskieren, die das Kind im Namen seiner angeblichen sexuellen "Selbstbestimmung" schutzlos zum Opfer sexueller Gewalt werden lässt. "Die missbrauchte Republik" ist deswegen eine notwendige Dokumentation zum Skandal des sexuellen Kindesmissbrauchs und dessen Aufarbeitung.

Zum Missbrauch in Kirche und Gesellschaft

Das Werk gliedert sich in zwei Teile. Im ersten Teil wird das Phänomen der Pädosexualität in seinen wichtigen Facetten in mehreren Aufsätzen beleuchtet und werden Antworten auf wesentliche Fragestellungen gegeben:

  • Welches Ausmaß und welche Bedeutung haben pädophile Vergehen und Verbrechen in der deutschen Gesellschaft?
  • Vor welche Herausforderung werden Politik und Gesellschaft und speziell die Kirche durch pädophile Übergriffe gestellt?
  • Welchen Zusammenhang gibt es mit dem Zölibat und mit Homosexuellen im Priesteramt?
  • Was ist von der griechischen „Knabenliebe" zu halten, auf die sich neuzeitliche Verharmloser und Förderer der Pädophilie häufig berufen?
  • Wie und wann begann die Infizierung der im frühen 20. Jahrhundert aufgekommen Reformpädagogik mit dem „Virus" der Pädophilie?
  • Warum haben maßgebliche Vordenker der 68er-Bewegung die sexuellen Kontakte von Erwachsenen mit Kindern oft verharmlost und teilweise sogar offensiv befürwortet?
  • Was kann und sollte getan werden, um pädophile Entwicklungen aufzudecken und zurückzudrängen?
  • Was ist vom „Runden Tisch" der Bundesregierung zu halten, der zum Kampf gegen den sexuellen Missbrauch eingerichtet wurde?
  • Wie können Kinder vor sexuellem Missbrauch geschützt und bewahrt werden?

Auf diese und viele weitere Fragen geben kompetente Autoren klare und umfassende Antworten. Zu den Autoren gehören der niederländische Psychologe und Psychoanalytiker Gerard van den Aardweg, die Soziologin und Publizistin Gabriele Kuby, der Salzburger Weihbischof und Professor für Moraltheologie Andreas Laun, der Journalist und Buchautor sowie Geschäftsführer des Instituts für Demographie, Allgemeinwohl und Familie, Jürgen Liminski, die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin und vielfache Bestsellerautorin Christa Meves, der Erziehungswissenschaftler und Buchautor Albert Wunsch, Mitglied des Expertengremiums der Supervisoren der Deutschen Ordensoberen-Konferenz gegen sexuellen Missbrauch, sowie der Professor für Philosophie Harald Seubert.

Dokumentation der Sünden und Verstrickungen in Vergangenheit und Gegenwart

Bemerkenswert ist, wie sehr einige Zeitgenossen, die sich ganz besonders über Fehltritte im Raum der katholischen Kirche ereifern, es selbst waren, die sexuelle Übergriffe auf Kinder einst am liebsten zu einer Art Freiheitsrecht erklärt hätten.  Dies wird im zweiten Teil des Buches, einer Dokumentation des Zeitgeschehens, nachgewiesen. Sie dürfte vielen Lesern immer wieder die Sprache verschlagen. Minutiös dokumentieren die Autoren des Buches anhand von Originalzitaten, die Aktivitäten der Apologeten sexueller Handlungen von Erwachsenen an Kindern und deren Wirken in Kirche und Gesellschaft.

Insbesondere in den Jahren 1968 bis zur Jahrtausendwende, teilweise aber bis in die jüngste Zeit hinein, gab es ernst zu nehmende gesellschaftliche Kräfte, die pädosexuelle Kontakte straflos stellen wollten oder sogar als für das Kindeswohl nützlich propagierten. Der Leser erfährt, wie die Pädophilenlobby nicht ohne Erfolg versucht hat, Kinderschutz-Verbände zu unterwandern und für perverse Anliegen auch noch Steuergelder zu bekommen. Das Buch belegt Querverbindungen dieser Kräfte - etwa zur Jugendarbeit der EKD, zur „feministischen Theologie", zur Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, zur Zeitschrift „Bravo" oder zu Homosexuellenverbänden - über die an vielen Stellen anscheinend lieber geschwiegen wird.

In der Dokumentation werden auch Hinter- und Abgründe ausgeleuchtet und eine schier unglaubliche Dreistigkeit selbsternannter Aufklärer aufgedeckt. Eine kleine Zahl offenbar bestens vernetzter Pädo-Aktivisten hat in den verschiedensten Bereichen - von den Universitäten über die Justiz bis zur Gesetzgebung im Ehe- und Familienrecht - unheilvoll gewirkt.

Eine Schlüsselfigur ist der im Jahre 2008 verstorbene Helmut Kentler, ehem. Professor für Sozialpädagogik: Wo immer sich jemand mit der Apologie sogenannter Kindersexualität beschäftigt, sei es bei „Pro Familia", der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung oder entsprechend einschlägigen Organisationen, stößt er auf den Namen Kentler. Er war es, der, hofiert von der evangelischen Kirche, insbesondere verschiedener Einrichtungen der Jugendarbeit wie dem Studienzentrum Josefstal, die Frühsexualisierung von Kindern propagierte und Sexualität zwischen Minderjährigen und Erwachsenen verteidigte. Im Rahmen seiner Gutachtertätigkeit für den Berliner Senat verkündete er sogar bewirkt zu haben, dass Jugendliche bei wegen Missbrauchs vorbestraften Päderasten untergebracht wurden - im vollen Wissen, dass dies zu Verkehr mit den ihnen Anvertrauten führen konnte (was dann auch tatsächlich der Fall war).

Aber auch der zwischenzeitlich verstorbene Gerold Becker, ehemals Leiter der Odenwaldschule, und sein Lebensgefährte Hartmut von Hentig waren in ein evangelisch-landeskirchliches Beziehungsgeflecht eingebunden, das ihrem pädagogischen und sonstigen Treiben gegenüber Politik und breiter Öffentlichkeit den Nimbus der Seriosität, ja des moralisch Hochstehenden verlieh. Heute können auch noch so warme Worte von kirchlichen Vertretern nicht über die schockierende Verstrickung des evangelischen Theologen und Reformpädagogen Gerold Becker in einen der größten Missbrauchsskandale dieses Jahrhunderts hinwegtäuschen. Zur Wahrheit über die „chronique scandaleuse" der bundesdeutschen Missbrauchsdebatte gehört auch, dass es Figuren vom Kaliber eines Kentler, die ganz offen die Pädosexualität bis in den kirchlichen Bereich hinein salonfähig machen wollten, auf katholischer Seite nicht gab.

Getäuscht hatten sich aber vermutlich auch Täter vom Typ Becker selbst. Womöglich glaubten er und andere im Laufe der Jahre den zum Teil selbst in Umlauf gebrachten Verlogenheiten über angebliche sexuelle Bedürfnisse und "Rechte" von Kindern. In diesem Klima fortschreitender kollektiver Bewusstseinstrübung, in dem verschiedene gesellschaftliche Kreise Sex mit Kindern nicht mehr verwerflich finden wollten, gab es einen Fels in der Brandung, den auch mächtige Interessenverbindungen trotz aller Versuche nicht zu sprengen vermochten: das Strafrecht. Allerlei Parteigänger, von verschiedenen Politikern bis hin zu Wissenschaftlern (selbst einschlägig interessiert!) propagierten eine Entkriminalisierung und Reform des Strafrechts. Das Buch ist auch ein handfester Beleg, wie zäh und hartnäckig fast 30 Jahre lang in Deutschland versucht wurde, sexuellen Kindesmissbrauch der Ahndung durch das Strafrecht zu entziehen. Dieser Versuch scheiterte angesichts einer durch schreckliche Verbrechen immer wieder alarmierten Öffentlichkeit.

"Man stößt allenthalben auf Öl"

Die missbrauchte Republik schließt mit philosophische Überlegungen von Harald Seubert zu den „emanzipatorischen Quellen des Bösen", aus denen sich der gesellschaftliche Umgang mit der Missbrauchsproblematik speist. Er zeigt prägnante geisteswissenschaftliche Ursachen und Zusammenhänge für die gesellschaftliche Entwicklung im Umgang mit der Sexualität auf, die bis in die geistigen Eliten hinein gravierende Folgen hatten. Die in der Dokumentation des Buches festgehaltenen Befunde nennt er "bedrückend" und "unvorstellbar". Dabei lägen nicht einmal besondere Winkelzüge der Hintergrundrecherche vor. Seubert dazu: "Es ist eher wie bei einer Bohrung, in der man allenthalben auf Öl stößt."

Indem dieses Buch Verführungen und Verirrungen schonungslos aufdeckt, weckt es Verständnis für verhängnisvolle Fehlentwicklungen und könnte so ein starker Impulsgeber sein für eine Wende zum Guten, die Voraussetzung für eine Prävention gegen Kindesmissbrauch und das Leid unzähliger Opfer ist. Christa Meves sagt in einer Analyse dazu treffend: "Nur eine kluge Wende kann hier zum Abnehmen der traurigen Auswüchse führen. Nur eine Einstellungsänderung, die das Leichtfertige und Hochmütige der Entfesselung des großen Lebensbewegers Sexualität erkennt und eingesteht sowie die destruktive Absicht durchschaut, kann auf Prävention gegen so viel zerstörtes Leben hoffen."


Angaben zum Buch

Die missbrauchte Republik - Aufklärung über die Aufklärer,
von Andreas Späth und Menno Aden (Herausgeber),
Broschiert, 170 Seiten,
Verlag Inspiration Un Limited, Hamburg/London (Oktober 2010)
ISBN-13: 978-3-9812110-2-3
Preis: 11,80 €

Bestellung → www.medrum.de/node/6795


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