Zum Diskurs über den Welt-Familien-Kongress in Moskau


26.09.14

Zum Diskurs über den Welt-Familien-Kongress in Moskau

Ein Zwischenruf von Kurt J. Heinz

(MEDRUM) Die demographische Katastrophe abwenden. Dieses Ziel war Teil der leitenden Vorstellungen eines internationalen Kongresses, zu dem weit mehr als 1000 Teilnehmer aus etwa 50 Ländern dieser Erde am 10. und 11. September in Moskau zusammentrafen. Sie stellten ihr Treffen unter das Rahmenthema: „Große Familien und die Zukunft der Menschheit".

Was berichtet die FAZ?

Es traf sich nicht irgendwer oder irgendjemand. Es waren - neben hochrangigen Vertretern Russlands - zu einem großen Teil hochkarätige Leute aus mehreren Kontinenten. Das sie zusammenführende Anliegen war es, der Familie die Bedeutung zu geben, die sie für eine gedeihliche Entwicklung jeder Gesellschaft hat. Doch diese Erkenntnis gehört in vielen Ländern der sogenannten Ersten Welt schon lange nicht mehr zum Allgemeingut. Die demografische Krise westlicher Industriegesellschaften einschließlich Russlands ist das Hauptsymptom für diese Entwicklung.

Bemerkenswert ist, dass dieser Kongress in einem Land wie Deutschland, das von diesem Symptom besonders betroffen ist, kaum Erwähnung in den großen Medien findet, und wenn, dann eher in negativer Weise. So berichtete die FAZ unter der Überschrift „Moskauer Wertediskussion: Für die Familie und Neurussland", eine Tagung in Moskau wende sich gegen Abtreibung und gleichgeschlechtliche Ehe. Finanziert werde sie von Männern, die Präsident Putin nahestehen. Dass dies lediglich Randaspekte sind, kümmert die Zeitung offenbar nicht. Dass dort eine substanzielle Abschlusserklärung mit Inhalten und Forderungen verabschiedet wurde, wie sie sich beispielsweise viele Protestanten vermutlich von der Leitung der EKD gewünscht hätten, kümmert den FAZ-Autor ebenfalls nicht. Was nicht sein darf, das nicht sein kann: die demografische Krise hat ihre wesentliche Ursache in einer kulturrellen Krise, in einem Wertewandel, dem die Modernisten, und dazu gehören allem Anschein nach auch viele Medienvertreter, wohl so schnell nicht abschwören wollen. Traditionelle Werte haben vielerorts ihre Zugkraft verloren, ja sie werden mitunter geradezu als reaktionär verteufelt.

ImageNicht so beim Treffen der führenden Figuren des World Congress of Families in Moskau. Die Teilnehmer waren sich - unabhängig von ihren Herkunftsländern und derer jeweiligen, höchst unterschiedlichen politischen Interessen - in einem für diese Veranstaltung zentralen Punkt einig: nämlich in einem Appell an die Nationen der Welt, den Niedergang der Familie, wie er in allzu vielen Ländern stattfindet, nicht länger zuzulassen. Sie traten dafür ein, die essentielle Bedeutung und den Wert der Familie für die menschliche Zivilisation zu erkennen, und sie darum besonders zu fördern und zu schützen. Ihr Appell richtet sich insbesondere an die Vereinten Nationen, im „Geiste des Artikels 16 der Erklärung der universellen Menschenrechte, ein besonderes Jahr oder ein Programm zur Unterstützung der Familie auszurufen".

Von dieser Erklärung und ihrem Anliegen erfährt der FAZ-Leser nichts. Information des Lesers, um ihn zu einem unabhängigen Urteil zu befähigen, scheint uninterresant, vielleicht sogar unerwünscht zu sein. Stattdessen rückt der Autor Friedrich Schmidt (Jahrgang 1980) das, was er in der Überschrift als „Wertediskussion" bezeichnet, in ein diffuses, diskreditierendes Licht. So zog er es offenbar vor, beispielsweise ausgiebig über Malofejew zu schreiben, dessen Stiftung „Basilius der Große" ebenfalls unter den Organisatoren des Moskauer Forums genannt werde, und dass dieser sein Geld mit dem Investmentfonds Marshall Capital Partners gemacht habe, der auf den Kaimaninseln registriert sei und so fort ...

Andreas Püttmann in "Christ und Welt"

Die FAZ wird allerdings noch übertroffen von der Beilage „Christ und Welt" zur Wochenzeitung DIE ZEIT. Dort zerreißt der freie Publizist Andreas Püttmann jene Katholiken, die es wagten, trotz umstrittener Ereignisse und des Konfliktes in der Ukraine, diesen Kongress zu besuchen. Als „nützliche Idioten Putins" hat er jene abgestempelt, die sich aus Sorge um den Wert von Ehe und Familie bei diesem internationalen Forum begegneten. Ihre „naive Einfalt" sei bestürzend. Püttmann geht noch weiter: Eine „katholische Subkultur" starre begeistert nach Moskau, angeblich durch einen „ideologischen Familismus" gelockt, der in „sexuellen Ordnungstheorien" schwelge. Namentlich ordnet er die katholische Schriftstellerin und Publizistin Gabriele Kuby in diese Schublade ein. Subkultur? Gehört der Vorsitzende des päpstlichen Rates für die Familie, Erzbischof Paglia, der diesem Kongress eine Videobotschaft sandte, auch zu dieser Subkultur? Gehören alle dort hinhein, die die Lehre der römisch-katholischen Kirche vertreten, also auch Benedikt XVI. ? Wer den Ansichten Püttmanns, die (noch) nicht katholische Lehre sind, trotz ihrer Absurdität folgen will, mag das bejahen.

ImageMan mag darüber streiten, ob man mit der modellhaften Leitvorstellung einer Drei-Kind-Familie die Probleme der demografischen Krise lösen kann oder lösen soll, kaum bestreiten lässt sich allerdings, das jene, die einen differenzierenden und unvorein­genommen Blick auf die Inhalte des Kongresses werfen, Püttmanns „scharfrichterliches" Urteil als irreführend ablehnen werden. Das verdeutlicht auch ein Blick auf die Teilnehmerliste (Übersicht links).

Alles nützliche Idioten, alle Teil einer katholischen Subkultur? Mitnichten. Sie stehen auf dem Fundament bewährter christlicher Überzeugung und Tradition - ebenso der freiheitlichen Demokratie. Und sie stehen damit - wie nicht zuletzt Benedikt XVI. - auf der Seite der Mahner, den Wert von Ehe und Familie nicht leichtfertig preiszugeben, sondern an ihm festzuhalten und ihn zu stärken. Klar ist: Dies eint sie keinesfalls mit Putins außen- und sicherheitspolitischen Vorstellungen und seinem umstrittenen Vorgehen auf der Krim und in der Ost-Ukraine.

Übereinstimmung besteht schon weit mehr mit der russisch-orthodoxen Kirche, die nach der Befreiung vom sowjetkommunistischen System Russlands ihre Freiheit wiedergefunden hat. Sollen führende Vertreter der Pro-Family-Bewegung aus den Kontinenten dieser Welt es beklagen, dass auch die russische Regierung unter Führung von Putin und führende Kräfte im russischen Parlament erkannt haben, welch zentralen Wert Ehe und Familie haben, müsste Püttmann gefragt werden? Sollen Sie bei ihrem Dialog vor Russlands Grenzen halt machen? Sollen sie den Dialog über die alle Grenzen überschreitende demografische Krise verweigern?

Der Dialog war zentraler und erfolgreicher Bestandteil transatlantischer Sicherheitspolitik der westlichen Staaten zu Zeiten des Ost-West-Gegensatzes. Was einst für entschiedene Systemgegner probat war, soll für katholische Christen plötzlich verpönt sein? Ist es, nach Püttmanns Lesart, ein Fehler, mit Patriarch Kirill, dem höchsten Repräsentanten der Russisch-Orthodoxen Kirche, dem Obermufti und Oberrabbiner der Russischen Föderation und führenden Repräsentanten der Pro-Family-Bewegung in Moskau zusammenzutreffen, um sich zwei Tage lang dem Thema Familie und Gesellschaft zuzuwenden? Wer das allen Ernstes fordert, muss konsequenter Weise auch die Ökumene, den interreligiösen Dialog und weltumspannende Klimakonferenzen ablehnen. Zum notwendigen Dialog gehört zweifelllos auch der Russlands Grenzen überschreitende Dialog, wie er in Moskau stattfand, zumal Russland interressante Beiträge liefern kann. Die russische Föderation, so wurde auf dem Forum vorgetragen, habe innerhalb von fünf Jahren familienpolitische Erfolge vorzuweisen: Dreißig Prozent weniger Waisenkinder, Steigerung der Geburtenrate von 1,3 Kindern auf 1,7 Kinder pro Frau. Vielleicht könnten die Deutschen im Sinne von „best practices" von Russland lernen.

Gabriele Kubys Plädoyer

Doch das, was auf dem Kongress diskutiert wurde, ist Andreas Püttmann und damit offenbar auch Christ und Welt nicht eine Zeile wert. Der Leser erfährt zwar, dass Gabriele Kuby unter den Teilnehmern war, aber nichts von dem, was sie dort einbrachte. Wenn Püttmann die Autorin des Werkes „Die Globale Sexuelle Revolution" schon als „nützlichen Idioten" und als „religiöse Rechte" denunziert, hätte er wenigstens erwähnen können, was Kuby auf Moskauer Forum beitrug: In ihrem Plädoyer stellte sie als Fazit fünf Kernforderungen auf:

  1. Wiedererkennen der Heiligkeit von Vater- und Mutterschaft
  2. Gewährleisten der materiellen Basis für die Familie
  3. Schutz des menschlichen Lebens - von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod
  4. Verfassungsrechtliche Definition der Ehe als Verbindung von Mann und Frau
  5. Erziehung der Kinder und Jugendlichen für Ehe und Familie.

Dies zu berichten, wäre eine Nachricht gewesen, zumal Kuby nach Kenntnis von MEDRUM die einzige Deutsche war, die auf dem Forum in Moskau vortragen konnte. Stattdessen diskreditiert er das zentrale Anliegen des konservativen und katholischen Verständnisses von Ehe und Familie. „Christ und Welt" scheint ihm dafür willfährig das Forum gegeben zu haben.

Unterdessen hat sich Gabriele Kuby der Mühe unterzogen, über den Kongress zu berichten. Die katholische Zeitung Die Tagespost veröffentlichte ihren Bericht unter der Überschrift „Die demografische Krise abwenden" (Printausgabe vom 20.09.2014, S. 14, Feuilleton). MEDRUM dokumentiert den Tagespostbeitrag von Kuby unter der Überschrift „Russland und Pro-Family-Leader setzen auf die Familie".

Kann man es Kuby verübeln, wenn Sie - angesichts der Taubheit des Mainstreams in Deutschland und vieler anderer westlichen Staaten - bei dieser Botschaft ihre Hoffnung auf den Dialog und die Initiative setzt, die von einem Familienforum wie dem in Moskau ausgehen könnte? Im Gegenteil. Dabei sollte es eine untergeordnete Rolle spielen, wer die Gastgeberrolle übernimmt. In der Vergangenheit waren dies Prag (1997), Genf (1999) Mexiko City (2004), Warschau (2007), Amsterdam (2009), Madrid (2012) und Sydney (2013).

"Das sind keine Nachrichten, das ist Agitation"

Püttmann kann entgegengehalten werden: Längst nicht jeder, der das auf der Zweigeschlechtlichkeit des Menschen beruhende Lebensmodell von Ehe und Familie statt homosexueller und polyamorer Beziehungen in das Zentrum seiner gesellschaftspolitischen Vorstellungen stellt, schwelgt in sexuellen Ordnungstheorien und hat vernebelte Sinne. Dass Kuby den Mut hatte, ihren Standpunkt in Moskau einzubringen, zeugt keineswegs von vernebelten Sinnen. Wer Kuby kennt, weiß, dass das Gegenteil der Fall ist. Sie genügt, bei aller Beharrlichkeit, mit der sie ihre Erkenntnisse und Überzeugungen vertritt, sehr wohl dem Anspruch Püttmanns zur „Unterscheidung der Geister".

Bei Püttmanns Artikel kommen indes Zweifel auf, ob er selbst diesem Anspruch gerecht geworden ist. Vor welchen Karren spannt sich der Katholik Püttmann?

Macht er sich nicht selbst zu einem nützlichen Idioten, der mit am Karren all derer zieht, die den Wert von Ehe und Familie seit Jahrzehnten demontieren? Oder nimmt er dies gar bewußt in Kauf? Sein Beitrag in „Christ und Welt" ist weder geeignet, Wege aus der krisenhaften Entwicklung in Deutschland aufzuzeigen, noch kommt er der von ihm vertretenen Forderung einer „faktenorientierten Informationspflicht" nach, wie er sie in einem Offenen Brief an den Intendanten des ZDF 2012 mit seiner Kritik an einer heute-Sendung einforderte (dokumentiert in kath.net, 03.07.2012). Seinem jetzigen Beitrag in „Christ und Welt" könnte daher entgegengehalten werden, was Püttmann an den Intendanten schrieb: „Das sind keine Nachrichten, das ist Agitation."


26.09.14 Russland und Pro-Family-Leader setzen auf die Familie MEDRUM
26.09.14 Abschlusserklärung des World Congress of Families, Moscow, 11 September 2014 MEDRUM
13.09.14 Moskauer Wertediskussion: Für die Familie und Neurussland FAZ
18.09.14 Putins nützliche Idioten Christ und Welt

Leserbriefe

Unsäglicher Artikel

Danke für Ihren Kommentar. Gut, daß Sie auch den unsäglichen Artikel von Püttmann zerpflücken.

Österreichischer Teilnehmer

Sieh da! Jetzt wird mir erst klar, auf welch hochkarätigem Forum der Wiener FPÖ-Chef Johann Gudenus vorgetragen hat, und zwar sogar auf Russisch! Dafür hatte natürlich auch die österreichische Systempresse nur Spott und Hohn übrig.

aus dem Medienspiegel hierzu (MEDRUM-Redaktion):

12.09.14 Gudenus wettert gegen "europäische Homosexuellenlobby" Die Presse (Wien)
13.09.14 Asyl für Johann Gudenus Die Presse (Wien)
16.09.14 "Bin Familienlobbyist": Gudenus verteidigt Moskau-Rede Die Presse (Wien)

Zur Kritik der Kritik an Frau Kubys Moskauer Auftritt

Es geht keineswegs nur, wie Autor Heinz bezeichnenderweise meint, um Putins "außen- und sicherheitspolitischen Vorstellungen und seinem umstrittenen Vorgehen auf der Krim und in der Ost-Ukraine". Sondern um das Gesellschaftsbild: Um Demokratie oder Diktatur, liberalen Rechtsstaat oder autoritäres Regime einer Clique, und sei sie noch so "familienfreundlich". Die Soldatenmütter in Russland würden Frau Kuby einiges dazu zu erzählen haben. Der richtige Platz von Christen ist immer an der Seite derer, die für die Freiheit der Person und die Menschenwürde eintreten, nie an der Seite derer, die Meinungs- und Demonstrationsfreiheit unterdrücken. Also derzeit nicht im Kreml, und schon gar nicht, um dort unkritisch als Legitimationshelfer für eine angeblich "werteorientierte" Politik zu dienen. Oder hat Frau Kuby in Moskau das Regime für seine Menschenrechtsverletzungen angeprangert? Dann würden wir dies gern hören. Aus ihrem Bericht geht es nicht hervor.