Revolutioniert Ursula von der Leyen die Gesellschaft?


30.10.08

Revolutioniert Ursula von der Leyen die Gesellschaft?

Die Ministerin: "Das Elterngeld wirkt, es kommt auch bei Vätern an und die Geburtenzahlen steigen"

(MEDRUM) Das Elterngeld wirke, es werde in der Bevölkerung angenommen, der Anstieg der Zahl von Vätern, die Elternzeit und Elterngeld in Anspruch nehmen, zeige, dass sich auch immer mehr Väter Zeit für ihren Nachwuchs nehmen wollten. Das Elterngeld habe sein Ziel erreicht, auch die Geburtenrate steige, sagte die Familienministerin Dr. Ursula von der Leyen in ihrer gestrigen Erklärung zum Elterngeldbericht.

Vom Beginn der Einführung des Elterngeldes im Januar 2007 bis zum Juni 2008 wurden 752.000 Anträge auf Elterngeld gestellt. Knapp 14 Prozent der Anträge (103.000) wurden von Vätern gestellt. Von der Leyen wird nicht müde zu betonen, dass die Zahl der Anträge von Vätern steigende Tendenz aufweise. Bei Einführung des Elterngeldes seien lediglich 3,5 Prozent der Anträge von Vätern gestellt worden, im ersten Quartal 2007 habe die Zahl der bewilligten Elterngeldanträge von Vätern schon bei 16 Prozent gelegen. Dahinter «versteckt sich eine leise Revolution», sagte die Ministerin.

Wer die wiederholten Verlautbarungen der Ministerin hört, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, als ginge es ihr bei der Einführung des Elterngeldes mehr darum, Einfluss auf die Rollenverteilung in der Gesellschaft zu nehmen als darum, in einem der kinderärmsten Länder dieser Welt die Bereitschaft in der Bevölkerung zu stärken, Familien zu gründen und Kinder nicht als Randerscheinung, sondern als Mittelpunkt des Lebens zu sehen. Dabei sollte es gesellschaftspolitisch gesehen weniger eine Rolle spielen, ob Mutter oder Vater die Hauptrolle bei der Pflege und Betreuung der Kleinsten nach ihrer Geburt übernehmen. Familienpolitisch wäre es ohnehin wünschenswert, wenn die natürliche Rolle der Mutter nicht durch Gleichstellungsklischees belastet werden würde, die zwanghaft auf eine Verlagerung der natürlichen Mutterrolle auf Väter hinwirken wollen. Ein solches Denken hat durchaus revolutionäre Züge, weil damit natürliche Bindungen und Lebensverhältnisse umgewälzt werden würden. Ein nüchterner Blick in die Zahlen zeigt aber, dass sich diese Revolution trotz aller Hervorhebung durch die Ministerin noch in engen Grenzen hält. Die meisten Väter nehmen das Elterngeld nur kurzzeitig für ein bis zwei Monate in Anspruch, wie auch die Bundesregierung mitteilte. Die Absenz der Väter am Arbeitsplatz geht nicht wesentlich über die Dauer eines Jahresurlaubes hinaus. Daher verwundert es auch nicht, dass die meisten Unternehmen dies nicht für problematisch halten. Anders sähe es vermutlich aus, wenn sie ein ganzes Jahr auf den Vater als Mitarbeiter im Unternehmen verzichten müssten. Ob die Wirtschaft dann ebenso kooperativ ist, ist zumindest fraglich. Von der Leyen sieht hier die Wirtschaft am Zuge. Nun müsse sich auch die Wirtschaft noch "deutlich bewegen", meinte die Ministerin. Ob die Wirtschaft diesen Ruf bei allen Katastrophenmeldungen dieser Tage hört? Skepsis ist naheliegend.

Frau von der Leyen wird verständlicherweise auch nicht müde zu betonen, dass die Geburtenrate gestiegen ist. Erstmals seit 10 Jahren sei ein Anstieg der Geburten zu verzeichnen. Wer auf die Zahlen blickt, kann ihre Genugtuung darüber nachempfinden. In Deutschland war in den Jahren 1996 und 1997 letztmalig ein Anstieg der Geburtenzahlen zu verzeichnen, nachdem sie sich über 30 Jahre zuvor (durchschnittlich um jährlich -1,8) und danach (durchschnittlich um jährlich -2,1 Prozent) ständig nach unten bewegt hatten. Im Jahr 2007 stieg die Geburtenrate um 1,8 Prozent von einem historischen Rekordtief in 2006. Wenn dieser Anstieg einer Trendwende gleichkäme, die in einen dauerhaften Anstieg der Geburtenzahlen führen würde, wären wir bei der so dringend benötigten Revolutionierung des Denkens und der Haltung zum Leben mit und für Kinder angelangt, die nicht nur für die Sinnstiftung, sondern auch für den Altersaufbau unserer Gesellschaft so wichtig ist.

Ob der erdrutschartige Abfall unserer Geburtenzahlen, der durch die Anti-Baby-Pille, die feministische Bewegung und sexuelle Umwälzung des gesellschaftlichen Denkens und seines Wertewandels in der zweiten Hälfte der 60er Jahre ausgelöst wurde, schon mit der Einführung des Elterngeldes und einer familienpolitischen Maßnahme wie dem Krippenausbau aufgehalten und umgekehrt werden kann, werden erst die nächsten Jahre zeigen. Zu hoffen ist es allemal, schon aus demographischen Gründen. Anfang 2008 hatte sich noch kein weiterer Anstieg der Geburtenzahlen bemerkbar gemacht. Die Zahl der Neugeborenen ging mit 164.000 Kindern in 2008 gegenüber dem 1. Quartal 2007 mit 165.800 sogar zunächst wieder leicht zurück (– 1,1%), um im 2. Quartal wieder zuzulegen (3,4%). Insgesamt ist im ersten Halbjahr 2008 ein etwas geringerer Anstieg von 1,1 Prozent im Vergleich zum  Vorjahr zu verzeichnen. Vorsicht ist also noch angezeigt. Auch weil an der gesellschaftlichen Werteorientierung, in deren Zentrum mehr die Erwerbstätigkeit, die Selbstverwirklichung des Indiviuums und eine feministisch orientierte Gleichstellung als familiäre Werte und Kinder stehen, weder Elterngeld noch Krippenausbau etwas Grundlegendes ändern dürften. Schon darum ist Jubel nicht angebracht und gewiß verfrüht.


MEDRUM-Artikel -> Deutsche Geburtenrate gehört unverändert zu den niedrigsten Geburtenraten Europas


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