Nicht aller Fortschritt kommt aus Europa


06.06.14

Nicht aller Fortschritt kommt aus Europa

Die Evangelisch-Lutherische Kirche Tansanias kann sich über eine blühende Entwicklung freuen

Im Gespräch mit Bischof Mameo

(MEDRUM) Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) begeht 2017 den fünfhundertsten Jahrestag der Reformation, doch die Zahlen der Gläubigen gehen beständig zurück. Um Jahrhunderte jünger ist die evangelische Kirche Tansanias. Im Vergleich zur EKD kann sich die Kirche Tansanias allerdings über eine blühende Entwicklung mit hohen Wachstumsraten freuen, wie ein Gespräch mit dem Bischof Jacob Mameo aus Tansania zeigt. Er war Gast der Kirchlichen Sammlung um Bibel und Bekenntnis in Bayern (KSBB) und antwortete freimütig auf die Fragen, die ihm bei seinem Besuch gestellt wurden.

Interview mit Bischof Mameo

ImageSehr geehrter Herr Bischof, aus Tansania kommen immer wieder Berichte über geistliche Aufbrüche. Offensichtlich nimmt das Interesse am Christentum zu. Stimmt das? Lässt sich diese Entwicklung in Zahlen ausdrücken?

Als sich die Evangelisch-Lutherische Kirche Tansanias 1963 zusammengefunden hat, bestand sie aus 500.000 Christen. Jetzt, nach 50 Jahren, sind wir 5,6 Millionen. Bis 2012 hatten wir 20 Diözesen. Bis 2014 waren es schon 24 Diözesen. Das hat mit dem Wachstum der Kirche zu tun. Die Missionsgebiete, die von anderen Diözesen betreut wurden, werden jetzt eigenständig.

Was sind die Gründe für die Aufbrüche?

Wir halten uns streng an die Anweisungen unseres Herrn. Jesus sagt, wir sollen in alle Welt gehen, lehren, taufen und seine Gebote halten. Menschen werden von uns besucht, evangelisiert und erreicht in Wort und Tat. Als Hirtenjunge bei den Massai habe ich von Kindesbeinen an gelernt, dass der Hirte – auch der Pastor und besonders der Bischof – seine Herde hüten und weiden muss. Unsere Herden müssen zusammengehalten und ernährt werden, leiblich und geistlich. Wenn die Nahrung stimmt, bleibt die Herde beisammen. Daher müssen wir sehr auf die Reinheit der Lehre und die Verkündigung achten. Wer im Gottesdienst fehlt, wird besucht. Wem es schlecht geht, der wird besucht. Nachgehende Seelsorge, Diakonie und Lehre gehen Hand in Hand.

Wer wird Christ? Wie sieht es aus bei Animisten, Atheisten und Muslimen?

Atheisten gibt es bei uns gar nicht. Alle glauben an einen Schöpfer. Die Animisten glauben an einen Schöpfer und eine Art „Hilfsgötter“, die Ahnen, Schamanen, die ihrem Glauben nach Gott näher sind. Es ist jedesmal ein Wunder, wenn ein Schamane sich bekehrt und die Mächte Satans weichen, die okkulten Phänomene aufhören und Menschen frei werden, wenn sie sich der Herrschaft Jesu unterstellen. Mit großer Betroffenheit habe ich von meinen Freunden gehört, dass es in Bayern nun einen Pfarrer gibt, der sich als christlicher Schamane bezeichnet. Das ist ein Rückfall ins Heidentum, der mir völlig unbegreiflich ist. Auf der anderen Seite liegt auch hier eine Erklärung für die vielen leeren Kirchen. Man kann nicht von klarer biblischer Lehre und glaubwürdigem Lebenswandel absehen, wenn man Hirte ist. Sonst zerstreut man die Herde oder führt in die Irre.

Tragen auch Missionswerke zum Kirchenwachstum bei?

Bis in die heutige Zeit hinein haben sie sehr geholfen. Heutzutage haben die westlichen Missionswerke allerdings mehr den Bau von Kirchengebäuden in den Missionsgebieten im Blick. Sie schicken uns Mitarbeiter und zahlen Stipendien für kirchliche Mitarbeiter. Aber die eigentliche Missionsarbeit und Evangelisation betreiben wir Afrikaner selbst. Wir freuen uns über all die Unterstützung, denn Afrika ist materiell arm. Aber geistlich haben wir in Tansania großen Reichtum. Vielleicht gelingt es uns zukünftig im Rahmen der Partnerschaft etwas von dem großen geistlichen Reichtum, den wir einst von den Missionswerken Europas empfingen, zurückzubringen nach Europa. Ich hoffe sehr, dass wir einst Evangelisten zur Unterstützung nach Europa schicken können, denn es macht uns sehr, sehr traurig, dass die Kirchen, die uns einst das helle Licht des Evangeliums brachten, sich zunehmend leeren.

Für Ihre Arbeit haben Sie einen beeindruckenden Personalschlüssel.

Wenn man bedenkt, dass der Missionsbefehl ein Befehl an alle Christen ist, finde ich den Personalschlüssel gar nicht so beeindruckend. Aber wir setzen natürlich eindeutige Schwerpunkte. Gott will, dass allen Menschen geholfen wird und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Deshalb sollen wir ja zu jedem gehen. In alle Welt bedeutet ja nicht, dass jeder in weit entfernte Länder reisen muss. „Alle Welt“ bedeutet auch der Nachbar oder der Arbeitskollege, der Mitschüler und die Zufallsbekanntschaft im Bus.

Die lutherische Kirche betont das allgemeine Priestertum aller Glaubenden. Und der Missionsbefehl gilt allen, die mit Jesus Christus in persönlicher Beziehung stehen. Jesu Absicht war, dass es keinen Menschen geben sollte, der nicht Gelegenheit geboten bekommt, mit ihm in Verbindung zu kommen.

Deshalb ist es in der Tat so, dass in jedem Land, sogar in der Nachbarschaft und unmittelbaren Umgebung Menschen leben, die keine Beziehung zum auferstandenen Jesus haben. Um die geht es zuerst, bevor wir an weit entfernte Menschen in fernen Ländern denken.

In Tansania macht sich aber auch ein militanter Islam breit. Wie reagieren die Kirchen darauf?

Wir haben viel Leid durch die islamischen Terroristen erlebt. Kirchen wurden zerstört und allein im letzten Jahr zwei Pfarrer ermordet. Aber alle christlichen Konfessionen sind einig darin, die Gewalt nicht mit Gegengewalt zu beantworten. Vielmehr werden Muslime durch das Zeugnis der christlichen Nächstenliebe, die keine Unterschiede macht, angezogen. Die medizinische Versorgung, die geistige, aber auch geistliche Bildung, die sie bei Christen finden, bewegt sie. Es stimmt, dass wir kämpfen. Aber nicht gegen die Muslime, sondern um ihre Herzen und Seelen. Wir suchen das Gespräch mit den Muslimen die gesprächswillig sind. Unter ihnen finden wir auch welche, die uns akzeptieren und Gewaltanwendung verurteilen. Dialog bedeutet aus unserer Sicht im Gespräch um ein friedliches Miteinander bleiben. Gemeinsame Gottesdienst und Gebete aber sind Religionsvermischung und verstoßen gegen das erste Gebot und den Missionsbefehl. Es wäre lieblos und gegen Gottes Gebot, den Muslimen das Zeugnis von Christus vorzuenthalten.

Wechseln Mitglieder Ihrer Kirche auch zum Islam?

Es gibt einige Wenige. Das geschieht hauptsächlich, weil viele Muslime versuchen, christliche Frauen zu heiraten, um dadurch Christen zu Muslimen zu machen.

Gibt es einen christlich-islamischen Dialog auf theologischer Ebene? Und gibt es Bemühungen der Kirchen, Muslime für den christlichen Glauben zu gewinnen?

Natürlich. Jede Mission ist ein theologischer Dialog. Wir führen auch Gespräche zwischen den Mitgliedern von Islam und unseren Gemeinden. Muslime werden gewonnen durch biblische Verkündigung und durch tätige Nächstenliebe. Der christliche Glaube und der Islam sind nicht kompatibel. Die Menschen im Islam lieben wir, weil sie so wie wir Jesus brauchen und hoffentlich suchen. Im Islam gibt es kein Heil.

Mitte letzten Jahres waren Sie in Wuppertal. Nun waren Sie fast zwei Wochen auf Einladung der KSBB in Bayern, Baden und Sachsen unterwegs. Welche Eindrücke haben Sie hier gewonnen?

Im Norden Deutschlands letztes Jahr habe ich fast gar keine Jugendlichen in der Kirche gesehen. Nur in Oberschulen und anderen Schulen habe ich Jugendliche getroffen, aber in der Kirche sah ich kaum welche. Der geringe Kirchenbesuch dort hat mich schockiert. Nur am Abschiedsgottesdienst haben wir mehr Leute in der Kirche gesehen.

Grundsätzlich sehe ich im kirchlichen Leben wenig Unterschied zwischen dem Norden und Süden Deutschlands. Aber ich habe einige lebendige Gemeinden kennengelernt, die ein Herz für Evangelisation haben. An zwei Stellen habe ich auch aktive Jugendliche erlebt: in Mering bei Augsburg und in Lauben, Dekanat Memmingen. Sogar Jugendliche, die in der Kirche singen (Jugendchöre); das hat mich sehr gefreut.

Einige bayerische Dekane habe ich erlebt, denen die Evangelisation unserer lutherischen Kirche am Herzen liegt. Sie sind besorgt über die geistliche Ausrichtung ihrer Kirche. Das hat mir sehr viel Hoffnung gemacht. Wenn sie unterstützt werden in diesem Bemühen, sehe ich Hoffnung und Zukunft für die Kirche. Wo die Verantwortlichen in der Kirche eine geistliche Zielsetzung haben, da kann die Kirche auch in Zukunft bestehen. Wer an der jetzigen Lage der Kirche leidet, ist Zukunftsträger, weil es ihn ins Gebet zum Herrn der Kirche treibt um neue Reformation. Trotz des grundsätzlichen geistlichen Rückgangs gibt es viele Christen, die ein Herz für Arme und Bedürftige - auch in den südlichen Ländern - haben.

Worin sehen Sie die Gründe für das Schrumpfen der Kirchen in Deutschland?

Es fehlt an solider biblischer Lehre. Allzu viele Theologen und Kirchenführer sind viel zu überzeugt von ihren eigenen geistlich-theologischen Vorstellungen. Da wo die Kirche wächst, gäbe es viel zu lernen. Es ist schade, dass sie zu wenig auf die viel lebendigeren und wachsenden Kirchen des Südens hören. Es wäre notwendig für Theologen und geistliche Leiter der westlichen Kirchen, vom Ross theologischer Überlegenheit herab zu steigen und ihre - inzwischen erwachsen gewordenen - geistlichen Geschwister zu hören.

Können deutsche Kirchen etwas von den tansanischen Christen lernen?

Es gibt viel zu lernen. Aber dazu muss auch die Bereitschaft vorhanden sein. Wenn die Europäer ihren – Verzeihung – Hochmut nach der Melodie: „Aller Fortschritt kommt aus Europa!“ lassen, kann einer vom Anderen viel lernen. Unser Selbstvertrauen kann nur so verstanden werden, dass wir Christus vertrauen. Wir sind und bleiben abhängig von der Kraft Gottes und unserer Beziehung zu ihm. Wir müssen diese Beziehung auf sein Wort und das Gebet gründen. Hier können uns die Veränderungen bei Menschen nach der Bekehrung ein Zeichen sein. Es ist beeindruckend zu sehen, wie sie sich von den alten Göttern und Mächten lossagen und sich allein an Jesus Christus hängen. Das geht freilich nicht, wenn man die Bibel für irgendein Geschichtenbuch hält. Gott spricht durch sie zu uns. Deshalb darf sie nicht auf eine Ebene mit anderen Büchern gestellt werden. Das geht auch nicht, wenn man die Botschaft der Bibel verbiegt oder verschweigt. Das Wort muss unverfälscht zu den Menschen – zu allen. Natürlich auch zu den Muslimen.

Haben Sie Wünsche an und für die deutschen Kirchen?

Neben dem brennenden Wunsch, es möge in Deutschland wieder evangelisiert werden und es mögen sich die Kirchen wieder füllen und damit Menschen zum Heil in Christus gelangen, möchte ich auch betonen, dass man, wenn man die Autorität der Heiligen Schrift anerkennt, gleichgeschlechtliche Lebensweisen nicht als Absicht Gottes ansehen kann. Wir verwahren uns in dieser Sache gegen jede Art von Überredungsversuchen. Wir, die Bischöfe Tansanias, haben unseren Standpunkt auf dem Boden der Heiligen Schrift und in der Dodoma-Erklärung festgelegt und bekannt.

Herr Bischof, ich danke Ihnen für das Gespräch.

____________________________________________

Das Gespräch mit Bischof Mameo führte Andreas Späth, Vorsitzender der Kirchlichen Sammlung um Bibel und Bekenntnis in Bayern (KSBB). Späth ist Herausgeber sowie Mitautor mehrerer Bücher (zur porto- und versandkostenfreien Lieferung anklicken):

Die ELCT im Internet: www.elct.org


Leserbriefe

Wo Gott abgelehnt wird

Dieses unser Land samt Europa durchlebt eine große geistliche Dürre. Der christliche Aufbruch findet in anderen Weltteilen statt und es ist zu hoffen, dass Gott uns Missionare schickt, damit das, was schon mal da war, neu belebt wird. Das zielstrebige Verhindern des Evangeliums in Schulen, Familien und in der Öffentlichkeit räumt der Finsternis neue Betätigungsfelder ein. Wie zum Beispiel im Fußball, wo das Training sich mehr und mehr in den Bereich der Geisterwelt verlagert, wie auch schon bei der letzten Meisterschaft der Bundestrainer auf Talsimane setzte. Wir werden uns daran gewöhnen müssen, wenn auch Sportberichte sich mit Fragen beschäftigen wie: "Ist Cristiano Ronaldo verhext? Der Wunderheiler will auf satanische Weise dafür sorgen, dass Ronaldo selbst zum letzten Gruppenspiel am 26. Juni in Brasilia gegen Ghana ..." Sport1.de ‎- vor 1 Tag Jesus wird, wenn überhaupt, als eine Möglichkeit von vielen angesehen werden. So setzt sich der Weg der Gottlosigkeit fort zum Entsetzen auch des Mameo.