Islamwissenschaftlerin Christine Schirrmacher weist Feindbild von Aiman Mazyek zurück


19.08.13

Islamwissenschaftlerin Christine Schirrmacher weist Feindbild von Aiman Mazyek zurück

In ihrem neuesten Buch "Islam und Demokratie - ein Gegensatz?" zeichnet Schirrmacher - entgegen der Behauptung von Aiman Mazyek - ein differenziertes Bild der Vorstellungen, die im Islam anzutreffen sind

Image(MEDRUM) Im Stile eines von Sachkenntnis unbeeinflussten Propagandisten ist der Vorsitzende des Zentralsrates der Muslime (ZDM), Aiman Mazyek, über die Islamwissenschaftlerin Christine Schirrmacher (Bild links) hergefallen. Schirrmachers "fundamentalistische Lesart" des Islam gehöre zum Geschäft "sogenannter Islamexperten", meinte Mazyek. Schirrmacher hat in einer Entgegnung an Mazyek nachgewiesen, dass der Funktionär des ZDM mit derartigen Äußerungen sachlich falsche Aussagen über sie verbreitet, und forderte ihn auf, seine unzutreffenden, "rufschädigenden" und "herabsetzenden Fehlurteile" zu korrigieren.

Schirrmachers Lesart: differenziert statt fundamentalisch

ImageEinem Artikel der Zeitung "DIE WELT" über die aktuelle Situation in Ägypten (Ausgabe vom 15.08.13) zufolge, hat Mazyek die angebliche Kritik der Bonner Wissenschaftlerin Christine Schirrmacher, dass der Islam nicht zur Demokratie passe, zurückgewiesen. Die KNA hatte im Interview mit Mazyek unzutreffender Weise behauptet: "Die Bonner Islamwissenschaftlerin Christine Schirrmacher behauptet, dass der Islam nicht zur Demokratie passe." DIE WELT zitiert als Entgegnung von Mazyek: "Es gehört zum Geschäft sogenannter Islamexperten, dass sie einer fundamentalistischen Lesart des Islam stets das Wort reden."

Zuvor hatte Schirrmacher bereits in einem Interview, das unter anderen von der Katholischen Nachrichtenagentur veröffentlicht wurde, zur Fragestellung ihres neuesten Buchtitels "Islam und Demokratie – ein Gegensatz?" (Bild links) Stellung genommen. Schirrmacher beleuchtete in ihrem Buch und Interview verschiedene Aspekte dieser Frage durch differenzierte Aussagen und stellte deswegen in einem Offenen Brief an Mazyek jetzt fest, dass seine Behauptungen nicht zutreffen. Die Wissenschaftlerin forderte nun in ihrem Brief den islamischen Funktionär auf, seine "rufschädigenden" Aussagen zurückzunehmen und sich bei ihr zu entschuldigen. Ihr neuestes Buch, so Schirrmacher, könne Mazyek nicht gelesen haben, sonst hätte er nicht solche Fehlurteile abgegeben.

Mazyeks Feindbild im Widerspruch

In ihrem Brief stellte Schirrmacher insbesondere fest:

  1. Ich bin habilitierte Islamwissenschaftlerin und lehre seit vielen Jahren an verschiedenen deutschen und ausländischen Universitäten, bin beratend in verschiedenen Gremien der Politik, Kirche und Gesellschaft tätig – was wohl kaum mit Ihrem Feindbild eines „sogenannten Islamexperten“ in Einklang zu bringen sein dürfte.
  2. Ich habe keine „fundamentalistische Lesart“ des Islam. In meinen zahlreichen Büchern, Schriften und Artikeln setze ich mich unermüdlich für eine differenzierte Lesart des Islam ein, die zwischen den einzelnen Strömungen klar unterscheidet. Ich vertrete uneingeschränkt die Prinzipien von universaler Religionsfreiheit, Menschen-, Frauen- und Minderheitenrechten.
  3. Sie liegen sachlich falsch, dass ich in meinem Buch „Islam und Demokratie – ein Gegensatz?“ behauptet hätte, „dass der Islam nicht zur Demokratie passe“. Bevor Sie sich ein solches Urteil erlauben, wäre es wirklich angebracht gewesen, mein Buch zu lesen. Dort steht etwa: „Der Islam als private Religionsausübung oder ethisches Wertegerüst wird einer Demokratie kaum entgegenstehen. Es gibt keinen Grund, anzunehmen, dass die Ausübung des Islam als Religion, zum Beispiel durch Gebet und Fasten, im unversöhnlichen Widerspruch zu einer Demokratie stehen sollte.“

Unterstellungen statt Sachkenntnis bei Mazyek

Bei seiner Unterstellung, Schirrmacher verbreite  ein angeblich  fundamentalistisches Bild vom Islam, stellte Mazyek laut WELT heraus, dass eine Diktatur durch den Islam schwerlich zu begründen sei. Auch wenn es im Islam nur wenige Hinweise zur Gestaltung des Staatswesens gebe, ließen sich Prinzipien wie freie Wahlen, Gewaltenteilung oder Meinungsfreiheit aus der islamischen Lehre ableiten. Dabei verwies Mazyek auf das Prinzip der Schura, der politischen Beratung und Abstimmung. In welch hohem Maße seine Kritik an Schirrmacher unberechtigt und irreführend ist, zeigt die Entgegnung der Islamwissenschaftlerin gerade zu diesem politischen Aspekt des Islam. Sie teilt ihm dazu mit, dass er genau das in ihrem Buch hätte finden können. Schirrmacher: "Dort steht etwa: ‚Wie bei vielen anderen Fragen, die die Ordnung des politischen Gemeinwesens zur Zeit Muhammads betreffen, gibt der Korantext selbst so wenig konkrete Auskunft darüber, dass ihm kaum Regieanweisungen für eine als ideal betrachtete Herrschaftsform entnommen werden können’ (S. 21) … ‚Der Begriff ‚beraten‘, der im Koran im Arabischen in beiden Versen Verwendung findet, besitzt dieselbe Wurzel wie der heute im politisch-islamischen Bereich oft verwendete Terminus der ‚Schura‘ (‚Beratung‘). Aus der Sicht islamischer Apologeten soll die Schura als eine Art ‚islamische Demokratie‘ im Laufe der islamischen Geschichte etabliert worden sein.

Schirrmacher: bei der Wahrheit und den Fakten bleiben

Es ist nicht verwunderlich, wenn Schirrmacher festhält: "Mein Buch liefert ein differenziertes Bild von Demokratiebefürwortern und -gegnern unter muslimischen Gelehrten, enthält aber nichts von dem, was Sie mir unterstellen. ... Gerade Ihnen müsste nichts wichtiger sein als bei der Wahrheit und den Fakten zu bleiben. Wenn es Ihnen also mit diesem Prinzip der fairen Auseinandersetzung ernst ist, nehmen Sie Ihre Anschuldigungen zurück und setzen sich sachlich mit meinem Buch auseinander."

Offener Brief im Wortlaut: → Christine Schirrmacher an Aiman Mazyek

Interwiew: Christine Schirrmacher im Interview

__________________

AimanMazyek

Aiman Mazyek ist ein in Aachen geborener Medienberater und Vorsitzender des Zentralrates der Muslime. Seine Vorfahren stammen aus Syrien. Mazyek gehört u.a. zum Beirat der Deutsch-Arabischen Gesellschaft und ist Mitglied der staatlichen "Deutschen Islamkonferenz".

 

Christine Schirrmacher

Christine Schirrmacher habilitierte sich in Islamwissenschaften und lehrt an verschiedenen Universitäten als Professorin für Islamwissenschaft: seit 2001 jährlich an der „Akademie Auswärtiger Dienst“ (ehemals Diplomatenschule) des Auswärtigen Amtes, Berlin, sowie seit 2007 fortlaufend als Gastdozentin bei Landes- und Bundesbehörden der Sicherheitspolitik. Als Professorin für „Islamic Studies“ lehrt sie seit 2005 an der Evangelisch-Theologischen Fakultät (ETF) in Leuven, Belgien, sowie seit 2012 als Professorin für Islamwissenschaft an der Universität Bonn. 2013 übernahm sie eine Gastprofessur an der Universität Erfurt und vertrat dort den Lehrstuhl für Islamwissenschaft, 2013/14 lehrt sie als Gastprofessorin an der Universität Tübingen am Institut für Humangeographie (Schwerpunkt Politische Geographie und Konfliktforschung).

Als Leiterin des „International Institute of Islamic Studies“ (IIIS) der Weltweiten Evangelischen Allianz (WEA) ist sie auf nationaler wie internationaler Ebene an Dialoginitiativen und Diskursen mit muslimischen Theologen beteiligt, wie etwa der Nachfolgekonferenz zum „Offenen Brief der 138 muslimischen Theologen an Papst Benedikt XVI und die ganze Christenheit“ der Yale University New Haven, USA (2008), oder dem „Berlin Forum for Progressive Muslims“ (2011+2013), einer Fachtagung der Friedrich-Ebert-Stiftung, Berlin.

Seit Januar 2013 gehört Christine Schirrmacher zum Geschäftsführenden Vorstand der Deutschen Evangelischen Allianz, der etwa 1,5 Mio. Christen zugerechnet werden können.

Christine Schirrmacher wurde in der Vergangenheit bereits Zielscheibe ungerechtfertigter Angriffe. Auf Einladung des „Personenkomitees Aufeinander zugehen" sollte Schirrmacher 2008 zum Thema „Islam in Europa als Herausforderung für Staat, Gesellschaft und Kirche" in der oberösterreichischen Stadt Traun vortragen. Gegen diesen Vortrag soll insbesondere der Integrationsbeauftragte der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, Omar Al-Rawi (Wien), protestiert haben. Schirrmacher war daraufhin wieder ausgeladen worden (MEDRUM berichtete Christine Schirrmacher ausgeladen ). Die Ausladung hatte einen Sturm des Protestes ausgelöst. Islamwissenschaftler, Politologen und österreichische Tageszeitungen stellten sich vor Christine Schirrmacher und hatten ihre international anerkannte wissenschaftliche Kompetenz hervorgehoben.

Das neueste Buch: Christine Schirrmacher. Islam und Demokratie – ein Gegensatz? SCM Hänssler: Holzgerlingen, 2013. Pb. 101 S. 7,95 € [D], 5,99 € [Kindle Edition]


15.08.13 "Furchtbar die vielen Toten und Verletzten" WELT
05.06.08 Islamwissenschaftler, Politologen und österreichische Tageszeitungen stellen sich vor Christine Schirrmacher MEDRUM
24.05.08 Christine Schirrmacher ausgeladen MEDRUM

Leserbriefe

Christine Schirrmacher verlangt Unmögliches

Erwartet Christine Schirrmacher wirklich, dass der Funktionär der Muslime seine Beleidigungen vor einer Christin (!) und Frau (!) zurücknimmt? Damit würde er gegen den Koran verstoßen und damit seinen Posten und womöglich sein Leben verlieren.

Islam nicht zurechtbiegen wollen

Wenn ich mich mit Muslims unterhalte, kommt bei genauerem Nachfragen immer wieder eines heraus: Islam und Staat sind nicht voneinander zu trennen. Es entspringt westlichem Wunschdenken, man könne islamische Länder in unserem Sinne demokratisieren, was gerade in Ägypten eindrucksvoll scheitert. Genauso könnte man versuchen, Löwen und Giraffen auf einem norddeutschen Bauernhof als Nutztiere anzusiedeln. Das eigentliche Problem dieser Debatten scheint mir mehr auf Seiten der demokratischen Länder des Westens zu liegen, die sich damit schwer tun, die Grundlage vieler gewachsener Demokratien zu bekennen: Das Evangelium.

Endlich mal ein frohes Lachen

Lieber Jost P. Lukas,

eigentlich wollte ich nur schmunzeln, als ich las: "Löwen und Giraffen auf einem norddeutschen Bauernhof als Nutztiere anzusiedeln". Doch als Norddeutscher Landarbeitersohn war mir dies nicht möglich, ein herzhaftes Lachen brach aus. Es ist wirklich so klar, was Sie zum Ausdruck bringen. Möchte hoffen, daß wir genau das erkennen. Außerdem sehen, was genau sich hinter dem "Medien gemachten" so genannten "Arabischen Frühling" verbirgt. Wenn wir nicht aufpassen, haben wir den bald bei uns. Gott, bitte bewahre uns davor. Noch ´n schönen Tag allen.

http://www.dieter-schimmelpfennig.de/