Hessisches Fernsehen zog umstrittenen defacto-Beitrag aus dem Verkehr


19.12.13

Hessisches Fernsehen zog umstrittenen defacto-Beitrag aus dem Verkehr

Reportage über angeblich "Gefährliche Heilsversprechen"  für Homosexuelle verschwunden

Eine Analyse von Kurt J. Heinz

(MEDRUM) Wer sich die defacto-Sendung des Hessischen Fernsehens (HR) vom 24.11.13 in der Mediathek des HR ansieht, vermag nicht zu erkennen, dass der HR einen sehr umstrittenen Beitrag über angeblich "Gefährliche Heilsversprechen" von "religiösen Fundamentalisten" ausstrahlte. Die Programmverantwortlichen haben den Beitrag aus dem in der Mediathek abrufbaren Video der defacto-Sendung nachträglich offenbar klammheimlich herausgeschnitten.

Vergebliche Suche nach "Gefährlichen Heilsversprechen"

Der HR sei nicht bereit gewesen, über die Zahl der eingegangenen Programmbeschwerden Auskunft zu geben, berichtete die evangelische Nachrichtenagentur idea über die im November ausgestrahlte Sendung des Landesmagazins defacto. Offenbar hagelte es Programmbeschwerden, die den Sender in Verlegenheit brachten.

ImageWer nun den HR-Beitrag oder nach seinen Spuren auf den Internetseiten des öffentlich-rechtlichen Senders sucht, sucht vergebens. Der Beitrag ist verschwunden, als sei er nie gesendet worden. Zwar ist in der Mediathek das Video der Sendung vom 24.11.13 abrufbar, es wurde jedoch "verstümmelt". Die Sendedauer der defacto-Sendung betrug am Sendeabend 30:48 min und war einige Tage in der Originallänge in der Mediathek abrufbar. Der interessierte Zuschauer konnte sich also zunächst selbst ein Bild machen, was ihm der HR über "Heilsversprechen" vermitteln wollte - es passte in das Klischee über religiös motivierte Fundamentalisten, in deren Weltbild Homosexuelle nach Darstellung des Senders angeblich nicht hineinpassen.

Doch die Informationsmöglichkeiten des Zuschauers haben sich mittlerweile grundlegend geändert. Sich beim HR authentisch zu informieren, ist derzeit nicht mehr möglich. Denn die Dauer des in der Mediathek jetzt noch verfügbaren Videos über die defacto-Sendung beträgt gerade noch 23:00 min. Es fehlt der entscheidende, der umstrittene Teil zum Thema "Gefährliche Heilsversprechen". Er fiel der nachträglichen Streichung zum Opfer und wurde herausgeschnitten. Dass die Sendung einen solchen Beitrag enthielt, und dass dieser Beitrag aus dem Video entfernt wurde, erfährt der interessierte Zuschauer aber ebenso wenig wie die Gründe, warum der HR sich entschieden hat, nur noch ein Rumpf-Video anzubieten. Auch unter den Einzelthemen der Sendung ist in der ARD-Mediathek der vom HR herausgeschnittene Sendeteil nicht zu finden.

Fragen an einen öffentlich-rechtlichen Sender

Seriöser Umgang mit Information und dem Zuschauer, zumal bei einem öffentlich-rechtlichen Sender, folgt anderen Maßstäben als jenen, an denen sich offenbar die Verantwortlichen beim HR orientieren. Warum, so kann gefragt werden, bekennt sich der HR nicht ganz einfach dazu, einen Sendebeitrag ausgestrahlt zu haben, der seriösen Maßstäben nicht standhält, der unzureichend recherchiert war, der zumindest in Teilen handwerklich schlampig abgefasst war, und, das Schlimmste, ein Beitrag, mit dem Behauptungen verbreitet wurden, die unter dem Verdacht der üblen Nachrede, vielleicht sogar der Verleumdung stehen? Waren dies die Gründe, weshalb die Verantwortlichen wohl intern entschieden haben, den Beitrag aus dem Verkehr zu ziehen? Wer sich diese Frage stellt, findet Gründe, die für eine solche Entscheidung sprechen.

Dubiose Vorwürfe des HR an wuestenstrom

Was Glaube anrichten kann, so der Moderator in seiner Einleitung, "zeigen wir Ihnen jetzt" (Bild unten).

ImageSo präsentierte der HR zu Beginn des Beitrags die Geschichte einer homosexuell empfindenden Person mit dem Namen "Mike", der, so der HR, an einen evangelikalen Berater geraten und danach zu wuestenstrom, einem "evangelikalen Verein",  gekommen sei. Der Mann, der in einer evangelikalen Gemeinde aufgewachsen sei, habe geglaubt, er dürfe nicht schwul sein und habe sich in die Hände evangelikaler Fundamentalisten begeben, so der Moderator. Er sei psychisch unter Druck gesetzt worden und habe sich, so stellte Mike dies selbst im Beitrag dar, am Ende die Frage gestellt, ob er seinem Leben ein Ende bereiten solle. Die Beratungsorganisation wuestenstrom bestritt in einer, nach der Sendung herausgegebenen Erklärung vehement, dass sie mit Mike zu tun hatte. Mike sei ihr unbekannt. Der HR beharrte indes auf seiner Darstellung. Mike sei eine reale Person, es handele sich um einen realen Fall. Es gebe sogar Vertragsunterlagen über eine Therapie, behauptete die Chefredaktion des HR in ihrer Antwort auf Programmbeschwerden. Durch die "angewandte Therapie" sei er in eine tiefe Krise gestürzt worden.

Psychoterror im Namen Gottes durch wuestenstrom?

Unter der Etikettierung "Psychoterror im Namen Gottes" würden Fundamentalisten "gefährliche Pseudotherapien verteidigen", so defacto. Dass die Behauptungen des HR im Widerspruch zur Wirklichkeit stehen, wird bereits jedem offenkundig, der das Vertragsmuster von wuestenstrom analysiert. In den Verträgen mit Menschen, die die Beratung von wuestenstrom wünschen, wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die angebotene "Beratung keine Psychotherapie, also Heilbehandlung im Sinne des Psychotherapeutengesetzes" ist. Gegenstand der Beratung sind nur solche Ziele und Wünsche, die der Beratungssuchende selbst in die Beratung einbringt" und das, was klar seinem "eigenen Wunsch und freien Willen entspricht".

ImageNoch größer wird der Gegensatz zwischen der Darstellung des HR und der Wirklichkeit, wenn der psychische Druck, der angeblich ausgeübt werde, ins Blickfeld gerückt wird. Wer sorgfältig zu Werke geht, kann nicht übersehen, dass wuestenstrom von Ratsuchenden sogar verlangt, schriftlich zur Kenntnis zu nehmen: "Druck aus meinem familiären oder weiteren Umfeld ist genauso wenig eine förderliche oder hinreichende Motivation für einen psychischen Veränderungsprozess, wie empfundener Druck aufgrund religiöser Überzeugung" (Bild links).

Wie kommt ein öffentlich-rechtlicher Sender dennoch dazu, gegenteilige und nicht haltbare Behauptungen aufzustellen? Eine erste und verblüffende Antwort darauf erhält, wer wuestenstrom befragt. Es werde verschwiegen, "dass der Hessische Rundfunk zu keiner Zeit den Versuch unternommen" hat, "mit wüstenstrom in Kontakt zu treten oder zu den dargestellten Zusammenhängen unsere Stellungnahme anzufragen", versichert wuestenstrom glaubhaft. Welche weitere Antworten auf diese Frage möglich sind, soll dem Leser überlassen bleiben.

OJC und DIJG sehen sich durch HR diffamiert

ImageAuch über die Offensive Junger Christen (OJC), eine ökumenische Kommunität (Bild links), und das ihr zugehörige Deutsche Institut für Jugend und Gesellschaft (DIJG) wurden in ähnlicher Weise offensichtlich nicht haltbare Behauptungen und Verdächtigungen verbreitet. Der HR zeigte einen jungen Mann, der auf Fragen des Reporters, ob Homosexualität eine Krankheit und heilbar sei, antwortet: "Ja, es ist eine Krankheit, es ist eine Krankheit. Sie ist heilbar, durch Gott, ja." Unmittelbar danach behauptet der Sprecher im Sendebeitrag: "Diese absurden Thesen vertritt an vorderster Front auch der Verein Offensive Junger Christen, OJC aus Reichelsheim im Odenwald."

Wer dieser Behauptung des HR nachgeht, findet eine gänzlich andere Antwort. Die OJC und das DIJG vertreten diese Thesen nicht. In einer Entgegnung auf die im HR aufgestellten Behauptungen stellt das DIJG fest: "Das ist eine verleumderische Verkürzung der Aussagen des DIJG. Homosexualität ist keine ‚Krankheit’.  Homosexuell Empfindende sind auch keine ‚Kranken’, das hat das DIJG nie behauptet." Ebenso wies das DIJG den Vorwurf des HR zurück, das Institut verbreite "Texte, nach denen gleiche Rechte und Anerkennung für Homosexuelle die Zukunft unserer Gesellschaft gefährden würden". Der HR äußerte in seinem Beitrag sogar unmittelbar weiter dazu, dass solche Ideen Menschen das Leben kosten könnten. Dies könne derzeit in Russland gesehen werden. Das DIJG wies sowohl die Behauptungen des HR als auch ihre filmisch inszenierte Verknüpfung mit Vorfällen in Russland nachdrücklich zurück: "Jeder Mensch, ob heterosexuell oder homosexuell – soll auf jeden Fall die gleichen Rechte und Pflichten als Bürger und als Mensch haben. Das DIJG verurteilt jegliche Diskriminierung und Verfolgung von Homosexuellen." Eine besonders gravierende Diffamierung sieht das DIJG in der unmittelbaren Assoziation von angeblich durch das Institut vertretenen Thesen und gewaltsamen Ausschreitungen in Russland. Das DIJG: "Als würde das DIJG gewaltsame Übergriffe gutheißen oder als würden die Ansichten des DIJG zu solchen Ausschreitungen führen. Dieses filmische Zusammenschwenken ist infam." Ebenso kritikwürdig ist aus Sicht des DIJG auch die Tatsache, dass der HR ein "unqualifiziertes" Statement einer Jugendlichen dazu verwendet, die angebliche Position evangelikaler Christen darzustellen. Eine HR-Redaktion, so die Sprecherin des DIJG, sollte "so viel Differenzierungsvermögen" haben, um zu erkennen, dass ein "solcher Kommentar unqualifiziert" sei und nicht als "Statement der evangelikalen Position schlechthin" herangezogen werden könne.

Vertrauen in Arbeit des HR beschädigt

Das alles lässt den Verdacht aufkommen, dass beim HR zumindest gegen die journalistische Sorgfaltspflicht verstoßen wurde, auch wenn die Chefredaktion in ihrer Antwort auf Programmbeschwerden keine Einsicht zeigt, sondern versucht, dies in Abrede zu stellen, wie die Begründung für die Ablehnung von Programmbeschwerden zeigt: "Danach komme ich zu dem Ergebnis, dass die Vorwürfe im Bezug auf Inhalt und Machart des Beitrages, die Motive und Intentionen des Autors und der Redaktion und die angebliche Verletzung von verbindlichen Regeln für den Hessischen Rundfunk oder journalistischer Prinzipien unbegründet sind. Ihre Programmbeschwerde weise ich deshalb zurück."

Kaum bestreitbar ist: Der Sendebeitrag über "Gefährliche Heilsversprechen" weist gravierende Mängel auf. Die Mängel gehen weit über die vom HR bisher eingeräumte Schlamperei hinaus, dass Aussagen des Beitrages in zwei Fällen „nicht als indirekte Zitate erkennbar“ gewesen sind. Das könnte durchaus noch hingenommen werden. Viel gravierender aber ist, wie ganz besonders die Aussagen über wuestenstrom zeigen, dass unhaltbare Behauptungen über eine Beratungseinrichtung verbreitet wurden, gegen die, so scheint es, berechtigter Weise auch mit rechtlichen Mitteln vorgegangen werden könnte. Hätte der HR den Ex-Kanzler Schröder in vergleichbarer Weise diskreditiert, wäre dem Sender wohl schon eine strafbewährte Unterlassungserklärung zugegangen. Vielleicht ist das der tiefere Grund, weshalb der HR den umstrittenen Beitrag wortlos und klammheimlich aus dem Verkehr gezogen hat. Doch reicht das, um das Vertrauen, das der Zuschauer in einen öffentlich-rechtlichen Sender wie den HR haben können muß, wieder herzustellen? Und haben Zuschauer und diejenigen, die in Verruf gebracht wurden, nicht wenigstens einen Anspruch darauf, dass die Verantwortlichen auch ihre Verantwortung wahrnehmen und das richtigstellen, was zu Unrecht verbreitet wurde, von Wiedergutmachung ganz zu schweigen?

Grenzüberschreitung beim HR

Am Ende stellt sich eine Schlüsselfrage: Wie weit sind die Grenzen für Medienschaffende bei der Gestaltung eines Fernsehbeitrages gesteckt, wenn sie es sich erlauben können, einen solchen Beitrag auszustrahlen, ohne dass - abgesehen vom heimlichen aus dem Verkehr ziehen - irgendwie erkennbare und öffentlich vernehmbare Konsequenzen gezogen werden? Im Falle des Beitrags über "Gefährliche Heilsversprechen" wurden die Grenzen so weit überschritten, dass dies nicht hingenommen werden sollte.


17.12.13 Hessischer Rundfunk räumt Fehler ein idea


 

Leserbriefe

Unwahre Behauptungen

Ich habe auch so einen Erklärungsbrief vom HR bekommen, wie alle, die sich da beschwert haben. Klar, im Grunde haben sie natürlich Recht, schreiben sie.

Dass sie das nicht haben zeigt sich doch darin, dass sie diesen Beitrag klammheimlich rausgenommen haben.

Auch bei aller Sanftmut: Wir Christen müssen uns wehren und auch für die eintreten, die auf diese infame Weise verleumdet werden. Warum stellt sich nicht der angebliche "Mike" und sagt: Doch, so ist mir geschehen? Alles nur erfunden, um Evangelikale schlecht zu machen?

Wenn einem Menschen tatsächlich so etwas passiert wäre, wie der Mike behauptet, dann wäre das ja in der Tat schlimm. Aber ich warte darauf, dass Mike sagt: Hallo, so war das. Wenn er nicht auftreten kann, dann bleibt nur eines: Lüge.