Eklat um Missbrauchsstudie


10.01.13

Eklat um Missbrauchsstudie

Vertrauensverhältnis zwischen Deutscher Bischofskonferenz und dem Direktor des Kriminologischen Forschungsinstitutes, Christian Pfeiffer, zerstört

(MEDRUM) Um die Ursachen des Missbrauchs zu untersuchen, wollte die Katholische Kirche eine Studie durch das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen e.V. durchführen lassen. Die dazu eingegangene Zusammenarbeit wurde nun von der Deutschen Bischofskonferenz aufgekündigt. Als Begründung wurde angegeben, das Vertrauensverhältnis zum Direktor des Forschungsinstitutes, Christian Pfeiffer, sei wegen seines Kommunikationsverhaltens zerstört. Das Forschungsprojekt soll mit einem anderen Partner fortgesetzt werden.

Im Juli 2011 hatte die Bischofskonferenz das Forschungsprojekt "Der sexuelle Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz" vorgestellt. Das Forschungsprojekt war zwischen dem Verband der Diözesen Deutschlands (VDD) und dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen e. V. (KFN) vereinbart worden. Es sollte vom VDD als Drittmittelgeber finanziert werden. Die Leitung sollte in der Hand von Professor Dr. Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts, liegen.

Wie die Bischofskonderenz mitteilte, werden die Untersuchungen, die mit den ersten Vorarbeiten in zwei ausgewählten Bistümern begonnen hatten, nun abgebrochen. Der Drittmittelvertrag mit dem KFN wurde mit sofortiger Wirkung gekündigt. Überzahlte Forschungsgelder sollen zurückgefordert werden. Bischof Dr. Stephan Ackermann erklärte als Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Fragen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger im kirchlichen Bereich:

Das Vertrauensverhältnis zwischen dem Direktor des Instituts und den deutschen Bischöfen ist zerrüttet. ... Das Kommunikationsverhalten von Professor Dr. Pfeiffer gegenüber den kirchlichen Verantwortungsträgern hat ... leider einer weiteren konstruktiven Zusammenarbeit jede Vertrauensgrundlage entzogen. Wir bedauern, mit Professor Dr. Pfeiffer keine einvernehmliche Lösung gefunden zu haben, um die wir uns bemüht haben.

Die Deutsche Bischofskonferenz ist aber weiterhin überzeugt von der Notwendigkeit einer kriminologischen Erforschung des Themas sexueller Missbrauch Minderjähriger im kirchlichen Bereich. Sie wird daher einen anderen Vertragspartner für die Durchführung eines solchen Projektes suchen. Dazu wird es in den kommenden Wochen die nötigen Gespräche geben.

Das Forschungsprojekt fügt sich in den Rahmen des weitgesteckten Handlungsplanes, den wir seit nunmehr fast drei Jahren verfolgen. Im Frühjahr 2010 hatte die Deutsche Bischofskonferenz kurz nach der Aufdeckung zahlreicher Missbrauchsfälle einen umfangreichen Maßnahmenkatalog verabschiedet, um sich der Problematik sexueller Gewalt an Minderjährigen im kirchlichen Bereich zu stellen. Dazu gehörten die Schaltung der Telefon-Hotline, die Überarbeitung der Leitlinien im Umgang mit dem Thema, die Mitarbeit am Runden Tisch der Bundesregierung, umfängliche Präventionsmaßnahmen und Fortbildungsangebote sowie die materielle Anerkennung erlittenen Leids. Darüber hinaus wurden zwei wissenschaftliche Projekte auf den Weg gebracht. Neben dem KFN-Projekt handelte es sich um ein weiteres Projekt, das auf die Analyse forensischer Gutachten zu betroffenen Priestern abzielte und von einer Forschergruppe um Professor Dr. Norbert Leygraf (Universität Duisburg-Essen) geleitet wurde. Dessen Ergebnisse konnten wir bereits im Dezember 2012 der Öffentlichkeit vorstellen. Dieses Engagement der Kirche zeigt, dass wir uns nach wie vor um eine gründliche und transparente Aufarbeitung bemühen.

Ich bedauere, dass der jetzige Schritt unumgänglich wurde, der allein mit dem mangelnden Vertrauen in die Person von Professor Dr. Pfeiffer zusammenhängt. Gleichzeitig bin ich zuversichtlich, dass wir schon bald das Forschungsprojekt mit anderen Partnern in Angriff nehmen können.“

Wie zerrüttet das Vertrauensverhältnis ist, zeigt die Reaktion des KFN. Das Forschungsvorhaben sei an Zensur- und Kontrollwünschen der Kirche und daran gescheitert, dass eine KFN-Anfrage, ob systematisch Akten von belasteten Priestern vernichtet worden sind, unbeantwortet geblieben sei, so das KFN in einer Mitteilung an die Medien. Wörtlich heißt es dazu: "Nachdem das KFN zunächst über fünf Monate hinweg bei der Vorbereitung der verschiedenen Datenerhebungen von kirchlicher Seite engagiert unterstützt worden war, ist das Projekt nun jedoch an wachsenden Widerständen im VDD gescheitert." Das KFN kritisierte insbesondere, der VDD habe Mitsprache bei der Auswahl von Mitarbeitern und Veröffentlichung von Forschungsergebnissen bei Vorliegen wichtiger Gründe gefordert. Beides habe das KFN abgelehnt. Trotz vorzeitiger Beendigung des Forschungsprojektes will das Institut jedoch nicht alle geplanten Aktivitäten aufgeben, sondern an der Opferbefragung festhalten. Dazu will es an die kirchlichen Missbrauchsopfer herantreten und sie zu einer freiwilligen Teilnahme an einer anonymen Fragebogenerhebung des Instituts bewegen.

Den Vorwurf von Pfeiffer, es habe seitens der deutschen Diözesen eine „Zensur" und „Kontrollwünsche" gegeben, wies der Münchner Generalvikar Peter Beer vom Erzbistum München und Freising gegenüber der katholischen Zeitung DIE TAGESPOST zurück. Der Vorwurf sei unzutreffend, es gehe vielmehr um die offene Frage, wie „der unbestreitbar vorhandene Wille zur Aufklärung mit der notwendigen Sorgfalts- und Fürsorgepflicht gegenüber kirchlichen Mitarbeitern in eine verantwortliche Korrespondenz zu bringen ist". Der Generalvikar wies auch Pfeiffers Behauptung zurück, das KFN habe alle Vorgaben erfüllt. Laut TAGESPOST erklärte Beer, Pfeiffer habe „eine pointiert eigene Wahrnehmung". Diese Wahrnehmung stimme nicht mit der seinigen und der von vielen anderen überein.

Der Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz, Matthias Kopp, wies insbesondere den Vorwurf zurück, es habe den Versuch gegeben, die Forschungsfreiheit einzuschränken. Kopp: "Das Gegenteil ist der Fall. Weil die Katholische Kirche zu einem solchen Forschungsprojekt bereit ist, zeigt sie, wie sehr ihr an der Forschungsfreiheit gelegen ist. Wir haben ja versucht, verschiedene Mechanismen mit Herrn Pfeiffer zu erörtern, um eine Publikation von ihm im wissenschaftlichen Kontext, aber auch in den Massenmedien geordnet zu koordinieren. Und es geht uns hier nicht um die Boulevardisierung des Themas, sondern um gegenseitiges Absprechen. Ich verwahre mich gegen die Äußerung von Herrn Pfeiffer, wir würden die Wissenschaftsfreiheit einschränken." Kopp erklärte das Scheitern der Zusammenarbeit insbesondere dadurch, dass Pfeiffer immer wieder mit neuen Ideen gekommen sei und deswegen getroffene Vereinbarungen hätten nachverhandelt werden müssen. Die Sprunghaftigkeit von Pfeiffer, die sich auch in der Datenschutzfrage, in der kein Konsens erreicht worden sei, gezeigt habe, ist nach Darstellung von Matthias Kopp wesentlicher Grund, weshalb es trotz des Versuches der Mediation nicht mehr möglich gewesen sei, die Zusammenarbeit fortzusetzen. Kopp teilte außerdem mit, dass die Bischofskonferenz gegen den Zensurvorwurf auch rechtliche Schritte unternommen hat und Pfeiffer eine "strafbewehrte Unterlassungserklärung" hat zustellen lassen.


Zum Themenkreis des sexuellen Missbrauchs: Die missbrauchte Republik


Leserbriefe

Gefahr!

Jetzt wird's gefährlich für die Kirche, weil Pfeiffer seine Forschungsarbeit fort- und durchsetzen wird und die Kirche erst erfahren wird was er gefunden hat, wenn es zu spät ist. Die Zusammenarbeit aufzukündigen, war die schlechteste aller Möglichkeiten, weil die Pfeiffersche Arbeit jetzt völlig unabhängig von der Kirche fertig gestellt werden wird. Absolute worst case, das wird ein SuperGAU!

Antwort auf "Gefahr"

Pfeiffer k a n n das Projekt gar nicht allein weiterführen, denn er bekommt keinen Zugang mehr zu den Priesterakten. Und genau hier liegt ja auch der innerkirchliche Skandal: daß die Bischöfe auf Betreiben Pfeiffers seinerzeit naiv zugestimmt haben, daß unbefugte Dritte, die keinerlei Berechtigung dazu haben, die Personalunterlagen sämtlicher Priester und Ordensleute durchforschen sollten. Nach massiven Protesten einiger beherzter Priester war dieses Konzept wohl nicht mehr aufrecht zu erhalten, was zu den Unstimmigkeiten mit Pfeiffer geführt haben dürfte, die jetzt eskaliert sind. Jedenfalls ist es sehr viel besser, daß die Sache j e t z t beendet wurde, bevor sie richtig beginnen konnte. Nicht auszudenken, was zu erwarten gewesen wäre, wenn ein so unseriöser und selbstgefälliger Forscher wie Pfeiffer, die Deutungshoheit über sexuelle Mißbräuche innerhalb der Kirche für sich hätte beanspruchen können.

Lawine losgetreten

Da hat die katholische Kirche eine Lawine losgetreten, unter der die Glaubwürdigkeit des gesamten katholischen Klerus begraben werden könnte. Und das für sehr, sehr lange Zeit. Es wird einige Zeit dauern, bis die Lawine ins Rollen kommt, aber die ersten kleinen Schneebälle sind unterwegs und je länger es dauert, um so riesiger wird die Lawine sein und alles zermalmen, was sich ihr in den Weg stellt. Den Vertrag mit Pfeiffer zu unterschreiben war die schlechteste Entscheidung der Kirche seit langer, langer Zeit.

Nicht alles glauben was in der Zeitung steht

Die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche sind ein heißes Eisen. Von vornherein ging es um Vorverurteilungen. Dazu gehört, dass die ebenfalls aufklärungswürdigen Skandale, wie sie in dem Buch "Die missbrauchte Republik" sehr eindrücklich geschildert werden, überhaupt nie thematisiert wurden, abgesehen vom Fall der Odenwaldschule, der schnell vergessen war. Denkbar, dass man seitens der katholischen Kirche befürchtet, dass die "Forschungsergebnisse" entsprechend polemisch aufbereitet werden. Da man bislang nichts Genaues weiß, sollte man die Spekulationen in den Medien nicht unkritsch als erwiesen ansehen, sondern den weiteren Verlauf abwarten.

Amtsschimmel und Südenbock

Wenn man Bischof Stephan Ackermann zu dem Scheitern des Projektes hört, ist kaum etwas von der Erneuerungskraft Jesus Christi zu spüren. Man kann Christian Pfeiffer fast schon bemitleiden, mit solch bürokratischer Enge konfrontiert zu sein. Das hat nicht viel mit befreiendem Evangelium zu tun, sondern mehr mit Ängstlichkeit. Und jetzt will man noch gegen Pfeiffer prozessieren. Nicht die beste Veraussetzung um neues Vertrauen zu schaffen. Bei all den berechtigten Forderungen gegenüber der Kirche sollte jedoch nicht vergessen werden, dass Kindesmissbrauch am häufigsten in Familien und anderen gesellschafltichen Kreisen stattfindet. Kirche spielt da eher eine Nebenrolle. Also bitte nicht die Kirchen zu Sündenböcken machen, wenn das Problem viel umfangreicher scheint.

Willkommenes Spott- und Hassobjekt

Das Schlimmste ist nun, dass die Katholische Kiche - und mit ihr jede andere christliche Gemeinschaft oder Organisation - wieder als willkommes Spott- und Hassobjekt in den Mainstreammedien zerrissen wird. Nicht zuletzt werden damit Missbrauchsfälle in anderen gesellschaftlichen Kreisen erfolgreich unter der Decke gehalten. Wer forscht denn darüber, was an der Odenwaldschule geschehen ist, welche pädagogischen Konzepte das verschuldet haben und wie die heute von Bildungsideologen gerade auch an Schulen bertiebene Propagierung sämtlicher sexueller Abartigkeiten geradezu zum Missbrauch anleitet?