Eine 12-jährige wurde zur Mutter


08.08.08

Eine 12-jährige wurde zur Mutter

Trennung und Folgen für die Gorber-Kinder David und Thea

von Kurt J. Heinz

(MEDRUM) Die plötzliche Trennung der sechs Gorber-Kinder von ihrem elterlichen Zuhause in Überlingen zu Anfang des Jahres hatte einige Folgen. Für die 12-jährige Schwester Thea des damals noch 2-jährigen David hieß dies über Nacht, in die Mutterrolle für ihren kleinen Bruder zu schlüpfen.

Sein drittes Lebensjahr vollendete David erst drei Monate nach der unerwarteten Trennung von seiner Familie im Kinderheim. Das vertraute elterliche Zuhause hatte sich urplötzlich in ein Nichts aufgelöst. Alles, woran er sich bis dahin festhalten konnte, war mit der Unterbringung in einem Heim, das ihm genauso fremd war wie die Menschen und Kinder, auf die er dort traf, verschwunden. Da musste er sich an irgendjemandem festhalten können, den er kannte, den er liebte, zu dem er Vertrauen hatte. Dies war Thea, die 12-jährige Tochter der Gorber-Familie, die mit ihm und vier weiteren Geschwistern den schwierigen Weg in eine unbekannte Umgebung der Fremde antreten musste.

Thea wurde für David über Nacht zu dem Menschen, den er sich als Mutter auserwählte. „Die ersten vier Wochen kam David dauernd zu mir und sagte: ‚Ich will deine Hand halten'", erzählte dieses Mädchen. Sie reichte ihm ihre Hand, sie teilte mit ihm das Zimmer, sie teilte mit ihm das Schicksal der Trennung, sie gab ihm Halt, Trost und die Sicherheit, nicht alleine zu sein, sich auf einen vertrauten Menschen verlassen zu können. Selbst das Zähneputzen ging oft nicht ohne Theas Nähe und ohne Theas Hand, die ihm auch beim morgendlichen Ankleiden hilfreich zur Seite stand. Thea gab diesem Jungen vor allem das, was für ihn das Wichtigste war: Die innige und vorbehaltlose Liebe eines Menschen, dem er vertraute, das, was eine liebende Mutter ihren Kindern schenkt, schenkte dem kleinen David fortan seine 12-jährige Schwester Thea. Sie wurde ihm zur Mutter.

Nun fehlt sie dem kleinen David. Er ist wieder dort, wo er die ersten 2 Jahre und 9 Monate seines Lebens aufwuchs. Er hat sein vertrautes Zuhause und die Geborgenheit seiner Eltern wieder gefunden, aber er muss zugleich eine neue und schmerzliche Trennung verkraften, die Trennung von seiner Schwester Thea, die ihm für fast 7 Monate seines noch so jungen Lebens zum wichtigsten Menschen geworden war. Es ist ihm anzumerken, dass er auch dies nur schwer verarbeiten kann. Er scheint sich zu fragen: "Was ist Realität und Traum? Ist das Realität, was mich nun als mein Zuhause umgibt oder ist es nur ein schöner Traum und ich kehre in die Realität des Heimes zurück, dem ich nur für den Augenblick wie in einem Traum entrückt bin? Worauf kann ich mich verlassen? Was ist das Feste, was ist sicher? Oder ist alles ungewiß?". Das sind offensichtlich Gedanken, die sein Bewusstsein bei Tag und Nacht umkreisen, meint Vater Gorber. Ob hier Gespräche alleine helfen, scheint zumindest solange zweifelhaft wie das fehlt, was zur Wirklichkeit des dreijährigen David als feste Säule seines Lebens in den letzten sieben Monaten hinzugehörte: seine Schwester Thea. Sie war für ihn der Fels, auf den er bauen konnte. Thea fehlt David, er vermißt ihre Hand, er vermißt ihre Schwesterliebe, die ihm die Liebe der Mutter ersetzt hat.

Thea ist im Lauf dieser Woche vom Zeltlageraufenthalt aus Holland vorzeitig und wohlbehalten in das Heim zurückgekehrt. Die Fürsorge für ihre Person war der Aufmerksamkeit der Betreuer besonders anempfohlen. Sie sorgten dafür, dass Thea ein Zelt mit dem 3-jährigen David teilen konnte. Auch beim Zeltlageraufenthalt war sie für ihn der liebgewordene 12-jährige Fels, der soviel Zartgefühl und Zuwendung für den kleinen Bruder zeigt. Sie durfte ihn jedoch noch nicht nach Hause begleiten. An ihrer Seite fehlt nun der kleine Bruder, dem sie einen guten Teil ihres täglichen Lebens widmete, vielleicht der kostbarste Teil, der ihrem Dasein im Heim einen besonderen, einen tiefen Sinn gab. Diese gemeinsame Zeit wird sie ein Leben lang begleiten. Nichts kann diese Zeit der Erschütterung, der innigen Suche nach Halt und des Gefühls, von einem kleinen brüderlichen Wesen gebraucht zu werden, ausradieren. Sie wird unauslöschliche Erinnerung bleiben und enge Verbundenheit vermitteln.

Dieses Mädchen Thea Verantwortung übernommen, es hat eine Stärke und Größe gezeigt, die oft Erwachsenen nicht zu eigen ist. Sie hat in der Zerrissenenheit, der sie selbst wie ihre Geschwister ausgesetzt war, ihrem kleinen Bruder David festen Halt gegeben. Thea hat sich größte Anerkennung und Lob verdient, ja sie hat sich in höchstem Maße um ihren Bruder David verdient gemacht. Wäre es nicht ein wunderbares Geschenk für die beiden Geschwisterkinder, wenn David die Nähe seiner Schwester Thea auch zuhause erleben dürfte, und wäre es nicht vertretbarer Schritt der Anerkennung und Zusammenführung von Menschen, diesem Mädchen wieder mehr Zuhause und Familie zu geben, ihr das zu geben, wonach auch sie sich sehnt? Wie sagte doch Thea in einem Gespräch von 10 Tagen: „Ich will raus, aus dem Kinderheim, will nach Hause, der Richter soll sich beeilen."

Die Verantwortlichen sind sich bewusst, dass Trennungen, die auch zum Alltag der Jugendämter gehören wie im Fall der Familie Gorber, für die betroffenen Menschen und Kinder tiefe Eingriffe in ihr Schicksal bedeuten. Auch ihnen scheint bei aller Routine nichts leicht zu fallen. Es ist bisweilen eine schwierige Gratwanderung für sie, das Richtige zu tun. Sie stehen täglich in der Bewegung solcher Prozesse. Für sie ist es auch ein Prozess der Erfahrung und des Vertrauens in die Familie Gorber, dass diese Familie eine nicht einfache Lage, die zu Anfang des Jahres Anlass zu besonderer Sorge gab, in bemerkenswerter Weise durchgestanden hat und Stabilität zeigt. Dieses Vertrauen muss sich weiter vermitteln und aufbauen. Mit den Entscheidungen des Richters am 29. Juli wurde der erste Schritt getan. Es wäre begrüßenswert, wenn weitere Schritte des Vertrauens rasch folgen könnten. Vielleicht sehen die Verantwortlichen im wunderbaren Vertrauen zwischen David und Thea und dem Vertrauen dieser beiden in ihre Eltern ein hilfreiches und richtiges Signal.


MEDRUM-Artikel -> 3-jähriger David nach sieben Monaten wieder bei seiner Familie


Online-Unterzeichnung der Bittschrift der "Initiative Gorber"

für eine baldige Rückkehr der Kinder zu Ihrer Familie


 

Leserbriefe

Ein herzbewegendes Beispiel

Dieser Bericht über dieses vorbildliche, tapfere Verhalten der 12-jährigen Thea hat mich in meinem innersten Herzen tief bewegt. Ob unsere modernen pädagogischen Systeme solches verantwortungs-volle Verhalten in solch einer zerstörten Situation auch in jedem Fall bewirkt hätten? Ich zweifele eher daran.....von Ausnahmefällen abgesehen. Wenn solch ein gelebtes Zeugnis das Jugendamt und den Richter nicht bewegen kann, fürchte ich um die Zukunft unseres Staates und unseres sogenannten demokratischen Systems. Aus einem tief Anteil nehmenden Herzen wünsche ich, dass Theas grösster Wunsch bald erfüllt wird: Dass sie wieder zu ihrer Familie und besonders zu ihrem anvertrauten Bruder David zurückkehren darf!