Die Frau und Mutter in der Zereißprobe des Gender Mainstreaming

Die Frau und Mutter in der Zerreißprobe des Gender Mainstreaming
Was ist eine Mutter? - Eine neue Sicht der Geschlechtlichkeit und Mutterrolle

von Kurt J. Heinz

Biologisch gesehen ist der Begriff Mutter eine Bezeichnung für das Lebewesen, welches die Eizelle für den geschlechtlichen Fortpflanzungsprozess zur Verfügung stellt, damit ein Nachkomme heranwachsen kann. Aber nur biologisch gesehen. Sozial betrachtet kann jeder Mutter sein, unabhängig vom biologischen Geschlecht. Wer den Begriff der Mutter noch im Sinne des Verständnisses verwendet, in dem er aufgewachsen ist und mit dem er von Kindesbeinen an vertraut ist, muss umdenken. Er ist nicht auf dem neuesten Stand des politischen Denkens und der Höhe des zeitgeistlichen Geschehens des "Gender Mainstreaming".

Nach der regierungsamtlichen Doktrin ist Mutter nichts anderes als eine Rolle, die früher der Frau zufiel, eine Rolle die gesellschaftlich, sozial und kulturell geprägt und daher gleichermaßen wie die Rolle der Frau veränderbar ist. Zumindest geht das aus der amtlichen Auffassung der Bundes­regierung hervor.[1] Die Bundesregierung unterscheidet seit einigen Jahren[2] zwischen dem biologischen Geschlecht eines Menschen, also zwischen Mann und Frau als biologischen Wesen einerseits, deren Geschlechter vererbt und als nicht veränderbar angesehen werden, und dem "gesellschaftlichen Geschlecht" als einer Geschlechtsrolle andrerseits, das als veränderbar gilt. Dieses gesellschaftliche Geschlecht wird mit dem Begriff „Gender“ bezeichnet. Was steckt hinter diesem Begriff und dem Denken in diesen Begriffen?

Das gesellschaftliche Geschlecht „Gender“ ist zum leitenden Prinzip politischen Handelns geworden, das alle Politikbereiche querschnittlich durchdringt. Diese Ausrichtung und Durchdringung des Regierungshandelns wird „Gender Mainstreaming“ genannt. Beide Begriffe, Gender und Mainstreaming, stammen aus dem Englischen, weil das diesen Begriffen zugrunde liegende Verständnis und die damit verbundene Anschauung im englischen Sprachraum entstanden ist. Die Unterscheidung zwischen biologischem und gesellschaftlichem oder soziologischem Geschlecht wird deshalb auch an den Sprach­begriffen deutlich. Das biologische Geschlecht wird im Englischen mit „sex“ bezeichnet. Der Begriff „gender“ unterscheidet in der englischen Sprache davon seit geraumer Zeit das gesellschaftliche Geschlecht. Im Deutschen gibt es keine Übersetzung. Der Begriff Gender wurde daher auch unübersetzt in die Amtssprache und den politischen Sprachgebrauch übernommen. Da „Gender“ im Deutschen kein sprachlich gewachsener Begriff ist und seine Bedeutung nicht auf Anhieb verständlich und vermittelbar ist, wird er in der öffentlichen Kommunikation jedoch kaum verwendet. Er findet sich aber zwangsläufig als Bezugspunkt in Doku­menten, die ihren Ursprung auf europäischer Ebene in Dokumenten der Europäischen Union haben, und die den Rahmen für das nationale Regierungshandeln gesetzt haben. Im nationalen Dialog wird statt von „Gender Mainstreaming“ von der Gleichbehandlung der geschlechtlichen Rollen gesprochen. Das eigentliche und neue Begriffsverständnis von Geschlecht wird dabei nicht unmittelbar vermittelt. Es leitet jedoch Gedanken und politische Vorstellungen und führt in der Praxis zum gleichen Ergebnis.

Da die Rolle von Mann und Frau nach diesem Verständnis nichts anderes sind als gesellschaftliche Rollen, die unabhängig vom biologischen Geschlecht betrachtet und behandelt werden, ist die Unterscheidung zwischen Mann und Frau im gesellschaftlichen Sinne unzulässig. Sie wäre eine Diskriminierung (die ursprüngliche Bedeutung des Begriffes Diskriminierung heißt „Unterscheidung“, also zu unterscheiden zwischen Mann und Frau, was in der einen oder anderen Richtung zugleich als Benachteiligung verstanden werden würde). Daraus leitet sich ab, dass es keine politisch unterschiedliche Rollenzuweisungen gibt oder geben darf.

Dies schlägt sich insbesondere auch nieder in der Frage der Erwerbstätigkeit der Frau oder Mutter. Da Frausein oder Muttersein nach dem „Gender“-Verständnis als gesell­schaftlich geprägte Rollenzuweisung oder auch als eine Geschlechtsidentität verstanden wird, die durch Macht entsteht, wird die Förderung einer Mutterrolle in Verbindung mit der Rolle der Frau im traditionellen Verständnis als eine Diskriminierung und Benachteiligung der Frau verstanden. Die Förderung ihrer Erwerbstätigkeit ist jedoch nach diesem Verständnis eine Konsequenz, die der Antidiskriminierung oder Gleichbehandlung dient. Hierin liegt auch ein Grund, weshalb gegenläufige Forderungen auf großen Widerstand stoßen. Wer fordert, dass es den Frauen, Müttern und Familien erleichtert werden soll, die Betreuung ihrer Kinder in der Familie wahrzunehmen, wie dies traditionell der Fall gewesen ist, läuft Gefahr, als „konservativer Traditionalist“ etikettiert und der Diskriminierung bezichtigt zu werden. Wer dann noch den Fehler begeht, schwierig zu verstehende Erklärungen über historische Bezüge, etwa über bürgerliche Werte, Drittes Reich und gesellschaftliche Entwicklungen im Nachkriegsdeutschland abzugeben, steht sofort im Verdacht nicht nur konservativen, sondern auch rechts-radikalen, im schlimmsten Fall rechts-extremen Vorstellungen Vorschub zu leisten oder diesen gar nahe zu stehen (siehe Fall Eva Herman und der Streit über ihre Äußerung zu Mutterbild, Drittem Reich und 68er Bewegung).

Wie scharf die intellektuellen Gegensätze sind, die hier aufeinanderprallen, wird daran deutlich, dass Erfinder und Anhänger der Gender-Theorie auch soweit gehen zu sagen, dass selbst die biologische begründete Unterscheidung und Zuweisung einer Geschlechts­identität unzulässig sei. Letztlich wird daraus auch die Legitimität und das Recht auf Wahl der geschlechtlichen Identität einer Person abgeleitet. Hierunter fallen geschlecht­liche Identitäten wie heterosexuelle, bisexuelle, homosexuelle, lesbische und trans­sexuelle Identitäten. Sie sind der Gendertheorie zufolge gleichberechtigt und gleich zu behandeln. Die Erschaffung und Existenz des Menschen als Mann und Frau, wie es biologisch und auch nach christlicher Auffassung verstanden wird, findet in der Gender­theorie ebenso wenig Platz wie das biologisch und christlich ableitbare Mutterbild. Daher werden auch die „biologisch-fixierten Rollen der Gebärdenden“ und der Mutter als Rollenbilder der Bibel aufgebrochen, wie es die Theologin Dorothea Erbele-Küster getan hat ("Gender Trouble in the Old Testament“). Erbele-Küster, die sich mit der Übersetzung der Bibel in eine „gerechte Sprache“ beschäftigt, sagt hierzu: „Meine Übersetzung für die Bibel in gerechter Sprache lässt erkennen, dass der Text zwischen biologischem und sozialem Geschlecht unterscheidet.“. Das Beispiel Erbele-Küster zeigt, dass die Begrifflichkeit und Methodik der Gender-Theorie und ihr Verständnis des Frauen- und Mutterbildes auch Eingang in theologisches Denken gefunden hat.

Was das Ziel von Gender Mainstreaming ist oder sein könnte, hat Volker Zastrow in seinem Artikel „Politische Geschlechtsumwandlung“, der in der FAZ erschienen ist, so ausgedrückt: „Es will nicht weniger als den neuen Menschen schaffen, und zwar durch die Zerstörung der ‚traditionellen Geschlechtsrollen’. Schon aus diesem Grunde muß das als Zwangsbegriff verneinte „Geschlecht“ durch „Gender“ ersetzt werden. Und möglichst schon in der Krippenerziehung soll mit der geistigen Geschlechtsumwandlung begonnen werden.“ Zastrow charakterisiert damit ein Denken der "Gender"-Anhänger, das sich nur noch schwer - wenn überhaupt - mit der christlichen Glaubenslehre vereinbaren lässt, denn beide haben nicht nur eine unterschiedliche Auffassung von der Geschlechtlichkeit, sondern unterscheiden sich auch in den ethischen Konsequenzen und Moralvorstellungen.

Was also eine Mutter ist, was ihre Rolle ist, wem diese Rolle zufällt und wie diese Rolle wahrgenommen werden soll, wird von der Gender-Theorie völlig anders beantwortet als dies früher und bisweilen auch heute noch in sogenannten bürgerlichen Kreisen gängige Vorstellung ist. Das klassische Bild der Mutter scheint - jedenfalls aus Sicht der ideologischen Fixpunkte des „Gender Mainstreaming“ für die Regierungspolitik - der Vergangenheit anzugehören, auch wenn dies nicht explizit so bewusst sein sollte und gesagt oder eingeräumt wird. Die praktische Politik, die mit Schwerpunkt die Erwerbstätigkeit der Frau und Mutter und zugleich die außerfamiliäre Betreuung der Kinder fördert, setzt in der Konsequenz die Vorstellungen der Gender-Theorie in die Tat um. Dies gilt aber nicht nur für die Familienpolitik, wie die Forderung von Bündnis90/Die Grünen nach völliger Gleichstellung aller Lebensgemeinschaften mit der Ehe belegt (grüne Initiative "Gleichstellung der Eingetragenen Lebenspartnerschaft vollenden" im Bundestag 2006) . Die Jugendorganisation Bündnis 90/Die Grünen geht gleich noch einen Schritt weiter indem sie 2007 beschlossen hat, die Institution der Ehe zu ersetzen. Das Gender Mainstreaming zeigt längst die angestrebte Wirkung. Die bürgerliche Familie, das aus ihr vertraute Mutterbild und jene Mütter, die ein herkömmliches Verständnis von ihrer Mutterrolle haben, sind durch die Folgen des Gender Mainstreaming für unsere Kultur und Familienpolitik einer weiteren Zerreißprobe ausgesetzt. Kardinal Meisner kritisierte am Pfingstsonntag 2008 seinerseits erneut die familienpolitische Entwicklung als einen Akt gegen die menschliche Kultur. Wer sich an der Familie vergreife, vergreife sich an der Kultur des Menschen, erklärte er.

Gabriele Kuby, Soziologin und Publizistin, hat diese politisch-geistige Entwicklung in Ihrem 2006 erschienenen Buch „Die Gender Revolution eindrucksvoll und detailliert offengelegt.

 


[1] Internetseite des Familienministeriums der Bundesregierung, dort wird zur Definition des Begriffes "Gender "festgestellt: "Gender kommt aus dem Englischen und bezeichnet die gesellschaftlich, sozial und kulturell geprägten Geschlechtsrollen von Frauen und Männern. Diese sind - anders als das biologische Geschlecht - erlernt und damit auch veränderbar."

[2] Deutscher Bundestag Drucksache 14/7627 14. Wahlperiode 27. 11. 2001; darin heißt es: "Mehr Frauen an die Spitze von Wissenschaft und Forschung - durch Gender Mainstreaming Frauen in Wissenschaft und Forschung stärken". Diese Parlamentsvorlage belegt, das die damalige Bundesregierung bereits Mitte 1999 beschlossen hatte, der Politik des Gender Mainsreaming zu folgen: "... dem von der Bundesregierung im Juni 1999 beschlossenen neuen Ansatz des Gender Mainstreaming, eine neue Qualität erreicht", heißt es in der Vorlage. In der Beschlussfassung wurde 2002 festgehalten: "Dieses Anliegen formuliert ein von SPD und Bündnis 90/Die Grünen vorgelegter Antrag (14/7627), dem der Fachausschuss am 27. Februar zugestimmt hat. Gegen den Antrag votierte die FDP, die PDS enthielt sich. Die Koalitionsfraktionen begrüßen darin, dass die Bundesregierung die Gleichstellung von Frauen und Männern (Gender Mainstreaming) wieder zu einem großen gesellschaftlichen Reformprojekt und einem Schwerpunkt ihrer Politik gemacht hat."

Gedicht: -> Muttertag