Kabinettsbeschluss über Ausbau der Tagesbetreuungsplätze

30. 04 08



Kabinett beschließt über Krippenbetreuung

Psychoanalytiker: Den Risiken für das Kindeswohl vorbeugen

Das Kabinett der Bundesregierung hat heute über den Gesetzentwurf zum Ausbau der Tagesbetreuungsplätze entschieden. Zielsetzung dieses Beschlusses ist es, bis zum Jahr 2013 im Durchschnitt für 35 Prozent der Kinder im Alter von unter drei Jahren qualitativ hochwertige Tagesbetreuungsplätze zur Verfügung zu stellen.

Zunächst will man ein Betreuungsangebot schaffen, das dem Bedarf vor Ort entstpricht. In einem zweiten Schritt soll zudem ab 1. August 2013 der Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für alle Kinder zwischen vollendetem ersten und dritten Lebensjahr eingeführt werden. In diesem Beschluss haben sich die Unionsparteien mit ihrer Forderung durchgesetzt, dass ab 2013 auch ein Betreuungsgeld für Eltern angeboten wird. Die Familienministerin Ursula von der Leyen will mit ihrem Gesetzentwurf erreichen, dass sich möglichst viele junge Menschen für ein Leben mit Kindern entscheiden. Die Befürworter der "Betreuungsplätze" betonen zugleich, das damit ein Beitrag zur Wahlfreiheit für Familien zwischen Beruf und häuslicher Kindererziehung geleistet werden soll.

Den Chancen, die der Ausbau des Betreuungsangebotes bietet, stehen auch Risiken gegenüber. Die Krippenbetreuung kann für das Kindeswohl schädlich sein, wenn sie nicht behutsam erfolgt und Fehlentwicklungen rechtzeitig vorgebeugt wird. Auf diese Zusammenhänge hat die Deutsche Psychoanalytische Vereinigung (DPV) bereits im vergangenen Jahr hingewiesen.

Memorandum Deutsche Psychoanalytische Vereinigung

In einem Memorandum hatten die Psychoanalytiker der DPV zu Fragen Stellung genommen, die für die kindliche Entwicklung von erheblicher Bedeutung sind. Darin verweisen sie auf die Erfahrungen, die sie in der täglichen Praxis über Tiefenwirkungen und Langzeitfolgen von kindlichen Entwicklungsbedingungen gewonnen haben. Das Fazit: Ein Krippenausbau und die dortige Betreuung von kleinen Kindern birgt erhebliche Risiken, wenn die Entwicklungsbedingungen für das Kind nicht sehr sorgfältig und vorbeugend bedacht werden.

„In der sensiblen Entwicklungszeit der ersten drei Lebensjahre wird die Grundlage für die seelische Gesundheit eines Menschen gelegt“, heißt es im Memorandum. Warum dies so ist, erklären sie damit, dass regelmäßige ganztägige Trennungen von den Eltern eine besondere psychische Belastung für die Kinder seien. Daher dürfe sich die Diskussion über den geplanten Ausbau der Krippenbetreuung nicht nur auf demographische, bildungs- und arbeitsmarktpolitische Aspekte konzentrieren, fordern sie.

Den Erkenntnissen der Psychoanalytiker zufolge muss der Erfahrung von Trennung in den ersten 36 Lebensmonaten eine wichtige Bedeutung beigemessen werden, weil Kinder in diesem Lebensalter körperlich und seelisch sehr verletzlich sind. Bindung stelle für das Kind eine Überlebensnotwendigkeit dar. Dabei spielen stabile Beziehungen eine große Rolle. Umgebungswechsel und Trennungen von Mutter und Vater können Verlustängste hervorrufen und den Aufbau des Urvertrauens beeinträchtigen. Deshalb sei es wichtig, langsame Übergänge zu schaffen und dem Kind behutsam Eingewöhnungsphasen zu lassen. „Es gibt keine psychische Gewöhnung an Verlust“, warnen die Psychoanalytiker. Es seien Forschungs- und Erfahrungswissen („keine Ideologie“), dass eine verlässliche Beziehung zu den Eltern für die Entwicklung des kindlichen Sicherheitsgefühls, für die Entfaltung seiner Persönlichkeit und für seine seelische Gesundheit am förderlichsten sei. Davon ausgenommen sei der Sonderfall „pathologischer“ Familien, in denen dem Kind „wegen Krankheit, seelischer oder materieller Not Vernachlässigung oder Misshandlung drohten“ und die außerfamiliäre Betreuung für das Kindeswohl angezeigt sei. Allgemein, so die Feststellung im Memorandum, gelte:

„Je jünger das Kind, je geringer sein Sprach- und Zeitverständnis, je kürzer die Eingewöhnungszeit in Begleitung der Eltern, je länger der tägliche Aufenthalt in der Krippe, je größer die Krippengruppe je wechselhafter die Betreuungen, umso ernsthafter ist die mögliche Gefährdung seiner psychischen Gesundheit.“

Bindung und Trennung - Schwierigste seelische Aufgaben des Menschen

Die Psychoanalytiker empfehlen deshalb analog zur „Schulreife“, für jedes Kind die „Krippenreife“ zu beurteilen, um Traumatisierungen zu verhindern. Eine außerfamiliäre Betreuung müsse behutsam erfolgen und die individuellen Entwicklungsbedingungen bedenken, damit Kinder davon profitieren können. Forderungen nach möglichst früher Rückkehr der Mütter an den Arbeitsplatz sehen die Psychoanalytiker dementsprechend kritisch. Stattdessen treten Sie für begleitende Forschungen und Langzeitstudien ein, um Fehlentwicklungen beim politisch verfolgten Ausbau von Krippen­plätzen vorzubeugen. In ihrem Wissen um die besondere Verletzlichkeit der frühen Entwicklung des Kindes und die Schwierigkeit der Aufgabe appellieren Sie damit auch an die Verantwortlichen. Die Gestaltung von Bindungen und die Bewältigung von Trennungen sei lebenslang die „schwierigste seelische Aufgaben des Menschen“.

Quellen: 
Quelle: DPV, 12.12.2007, publiziert durch Familien e. V. unter www.familie-ist-zukunft.de